Schlecht drauf

Bei einem anderen Interview der damals sehr erfolgreichen Bill-Moyers-Fernsehreihe Healing and the Mind wundert sich die Psychologieprofessorin Margaret Kemeny, dass es kaum Studien über die Wirkung eines glücklichen Zustands auf das Immunsystem gibt (oder gab). Der zufriedene, fröhliche, positive Mensch wurde nie so richtig untersucht.

Frau Kemeny meinte, die Medizin habe es wie die Psychologie mit Krankheit und nicht mit Gesundheit zu tun. Also erforschen die Forscher Depressionen und andere denkbare Leiden, denn für sie befindet sich der gesunde Mensch in einem unnormalen Zustand. Die Psychoneuroimmunologie fand übrigens heraus, und das ist interessant, dass traurige Gefühle ebenso das Immunsystem stärken wie fröhliche, positive. Anscheinend sind Emotionen per se gut, wenn sie geäußert werden; nur Emotionen, die man verdrängt, schaden.

Ist diese ganze westliche Gesellschaft schlecht drauf? Könnte man nicht sagen, es gibt ja jede Menge Komik und Entertainment. Dennoch existiert eine negative Grundströmung, der wir uns schlecht entziehen können. Eben: die Medizin. Krankheiten. Warnungen vor Krankheiten (um etwas zu verkaufen). Und: die Medien. Kriege, Katastrophen, Unfälle und Dinge, die schiefliefen. Darauf fliegen sie wie Fliegen auf Unrat. Und da es so viele Medien gibt, wird das Negative vervielfältigt und vermehrt. (Um das Produkt zu verkaufen.) Längst weiß man durch Untersuchungen, dass Negatives Nachahmer findet. Wir erzeugen unsere böse Welt selbst und berichten darüber und wissen gleichzeitig, dass es an Nachschub nicht mangeln wird.

Und das Fernsehen. Die Krimis. Es wird langsam öde, ich weiß es, aber es ist nicht zu verstehen, warum eine Gesellschaft, die sich aufgeklärt, frei und irgendwie ungehemmt gibt, die womöglich die glücklichste Gesellschaft aller Zeiten ist, andauernd Morde aufklären will. Es gibt noch die Liebesromantik mit ihrem unrealistischen Schwulst, aber sonst ist die Agenda ziemlich leer. Ja, ja, es gibt gute Magazine und Reisefilme und Reportagen, aber schaut euch ein Fernsehmagazin an: 90 Prozent der Sendungen sind einfach doof; die pure Heuchelei und der Zynismus blicken einen an. Haben dafür die Aufklärer vor 250 Jahren gekämpft? Ist das die Freiheit, für die aufrechte Menschen ihr Leben ließen?

Natürlich will man nicht positives Denken verordnen. Das wäre ja auch eine Art Diktatur. Aber ein Schuss Intelligenz wäre schon wünschenswert. Es ist klar, dass die Billigfilme billig sind, alle wollen ja sparen, aber wozu? Nun werde ich selber negativ: wozu Tourismus? Wozu Leistungssport? Wozu Fernsehen? Man sollte sich inmitten des ganzen Wahnwitzes einfach mal fragen, was das alles denn soll. Fahrt Rad, Leute, lest ein Buch, lernt eine Sprache, redet von mir aus auch mit eurem Nachbarn (wenn ihr das ertragen könnt).

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