Ärztlicher Pessimismus

Ich will an dem Placebo-Thema dranbleiben und las das Buch Spontaneous Healing von Andrew Weil, einem Arzt und Fachmann für Heilpflanzen. Bei einem Kapitel rief ich aus: Jaa! Es ging um den Pessimismus von Weils Kollegen. Sie sind immer so gnadenlos realistisch, die Ärzte, und ziehen einem den Boden unter den Füßen weg.

Die Patienten, die zu Weil kamen (das Buch wurde 1995 geschrieben), waren »Flüchtlinge« (refugees) der konventionellen Medizin. Ärzte hatten ihnen gesagt, dass es nicht besser werden würde, dass sie mit ihren Gebrechen leben müssten, dass sie nur mehr sechs Monate zu leben hätten und so weiter. Zehn Prozent dieser ernsthaft Kranken wurden wieder gesund, die Hälfte der verbliebenen 90 hatte nur noch Routinebeschwerden.

Wieder gesund!

Ärzte empfahlen ihre Kur, und das war’s. Kein Wort von einem anderen Lebensstil oder einer Alternative zu Bestrahlung oder Operation. Einen »tiefen Pessimismus, was das menschliche Potenzial für Heilung angeht«, stellt Weil bei seinen Kollegen fest. Er hielt die Aussage, jemand werde nur noch ein paar Monate leben, für eine Art von medizinischer Behexung, verwandt mit Voodoo-Praktiken: »gewissenlos« sei das. Man weiß, dass sich Patienten Aussagen des Arztes so zu Herzen nehmen, dass sie das Urteil prompt »befolgen« ― und nach dem ihnen gewährten Zeitraum sterben.

Der Chirurg Hamilton hatte schon geschrieben, jeder Arzt habe einen Patienten auf dem Gewissen, den eine seiner Diagnosen getötet hätte. Er erinnerte sich an einen Fall, in dem sein unerbittlicher Realismus einem Mann den Lebensmut geraubt habe.

Warum glauben die Vertreter des ärztlichen Fachs nicht an die Heilung? Weil meint, bei der Ausbildung gehe es immer nur um Krankheiten. Das Wort Heilung falle selten. Die Biomedizin (oder Schulmedizin) schaue nur auf die physischen Gründe und lasse die Psyche unter den Tisch fallen. Auch die gesamte Forschung kreise um Krankheit und Verdammnis. Erst 1993 erschien eine Sammlung von Beispielen plötzlicher Heilungen; 74 Prozent betrafen Tumore, die verschwanden. Man möge etwa, meint Weil, an Warzen denken. Sie verschwinden aus unbekannten Gründen von selbst, auch durch das Besprechen oder andere dubiose Verfahren.

Andrew Weil nennt ein anderes, unbewusstes Motiv bei den Ärzten für ihren Pessimismus, der einleuchtet: Bei der ärztlichen Profession gehe es um die Illusion, Kontrolle über Leben und Tod zu haben. Jeder Patient, der stirbt, konfrontiert den Arzt oder die Ärztin damit, dass diese Kontrolle illusorisch ist. Eine pessimistische Aussage gewährt psychologischen Schutz: Wird der Patient trotzdem gesund, kann der Arzt den Kredit einstreichen; stirbt er, so hat der Arzt es gewusst und behält seine vermeintliche Kontrolle.

Es mag sein wie beim Meteorologen, der im Zweifelsfall lieber schlechteres Wetter vorhersagt. Wenn es schlecht kommt, hatte er recht; wenn es besser wird, freuen sich die Leute und vergessen gern dessen falsche Vorhersage. Doch das trifft es nicht ganz: Wenn es um Menschen mit ihren Hoffnungen geht, kann man leicht eine selbsterfüllende Prophezeiung abliefern. Aber natürlich ist es eine Gratwanderung für den Mediziner, Hoffnung zu geben und im Rahmen des Realismus zu bleiben. Ärzte wollen keine »falschen Hoffnungen« wecken. Eine Autorin (Valerie V. Hunt) hat jedoch sinngemäß gesagt: Was sind schon falsche Hoffnungen? Die gibt es nicht!

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