Der Sohn der Nonne

Der Sohn der Nonne von Maxim Gorki war nach längerer Zeit wieder einmal ein Roman, den ich las. Ich studiere zwar nach dem Aufstehen beim Kaffee erst einmal zwei Stunden die russische Sprache, aber mit Wörterbuch einen Roman zu lesen, würde für mich ein Jahr dauern: eine Seite am Tag. Darum Gorki auf Deutsch.

Der Sohn der Nonne ist 1911 erschienen und, wie es im Nachwort heißt, »so russisch wie nur je ein Werk des Dichters«. Maxim Gorki (1868–1936), bekannt geworden durch das Drama »Nachtasyl«, war um 1900 äußerst populär, trat für Reformen ein und … wurde der Macht unbequem. 1905 musste er sein Land verlassen und zog für sieben Jahre nach Capri, wo dieser Roman entstand. Der italienische Traum durchwirkt die Seiten des Buches, so trostlos und bitter realistisch es wirken mag.

Rom, Abenddämmerung

Die Revolution 1917 erfüllte Gorkis Hoffnungen auf »eine höhere Daseinsform der fruchtbaren Arbeit und des humaneren Zusammenlebens« nicht. Von 1921 bis 1928 lebt Gorki in Sorrent, aber er ist und bleibt Russe, kehrt zurück, schreibt und fördert liebevoll junge Kolleginnen und Kollegen. Hunderttausende betrauerten seinen Tod.

In dem Roman blickt der alte Matwjej Koschemjakin auf sein Leben zurück. Es ist ein Leben, das er für gescheitert hält und das sich in dem Provinznest Okurow abspielt, in dem eine Menge ignoranter und brutaler Zeitgenossen lebt. Matwjejs Mutter ist vor seinem Vater geflüchtet ― in ein Kloster, darum gilt er als Sohn der Nonne. Er wächst heran. Sein Vater heiratet eine viel Jüngere, die 18-jährige Pelagia. Matwjej spürt das schwere Schicksal der Frauen im Ort.

Der rohe, widerwärtige, zynische Ton, in dem allgemein von den Frauen gesprochen wurde, schuf um den Jüngling eine stickig-schwüle Atmosphäre, die ihn bis zur Abstumpfung bedrückte. Er schien ihm zuweilen, als sehe er das Weib nackt und bloß mitten auf die Straße geworfen, wo plumpe, schmutzige Stiefel auf ihrem Schoße ― dem Schoß der Mutter ― umherstamnpften und ungeborene Leben, unerzählte Märchen zuschanden traten. Er war überzeugt, dass alle Frauen ― außer der Wlassejewna ― ebenso schlicht und lieb, ebenso froh und empfänglich für Zärtlichkeiten waren wie Pelagia, dass sie ebenso voll Mitleid für die Menschen waren, wie es nach den Erzählungen des Vaters seine Mutter es gewesen: sie alle erschienen ihm wie Mütter, wie gute Schwestern und Bräute, die gleich der Blume, die des Sonnenstrahls harrt, den Bräutigam erwarten. Verwandte dem Blute nach, waren sie ihm alle gleich nahe und teuer.

Pelagia und der zwei Jahre Jüngere kommen sich näher, und es kommt, wie es kommen muss: zur intensivsten Begegnung, als der Vater unterwegs ist. Es lässt sich nicht verheimlichen. Der Vater schlägt Pelagia fürchterlich und wird von einem Schlaganfall niedergestreckt; er stirbt. Auch Pelagia stirbt an ihren Verletzungen. Matwjej setzt durch, dass ihre Gräber voneinander getrennt liegen. Er übernimmt die Hanfspinnerei des Vaters.

Irgendwann kommt eine Mieterin mit ihrem Söhnlein: Jewgenjia Petrowna. Sie ist ein gebildete, politisch engagierte Frau, deren Mann in Sibirien umgekommen ist. Matwjej liest ihr aus seinen Tagebüchern vor und verliebt sich heftig in sie, entdeckt sich ihr, doch sie erhört ihn, den sie bewundert und respektiert, nicht. Sie verlässt das Gut. Matwjej bleibt einsam in Okurow zurück. So sind russische Romane. Ach, diese Inbrunst, die bei Dostojewski so lodert, diese Zweifel, dieses Leiden! Man muss das einfach lieben. Über Auferstehung von Tolstoj (1899) hatte ich einmal geschrieben, auch ein trauriges Epos.

Matwjej geht gern im Morgengrauen spazieren. Am Ende des Romans blickt er im Schein der Morgensonne auf Okurow.

Siena

»Ach , ihr lieben Leute, ihr meine unglücklichen Mitbürger ―wie unendlich leid tut ihr mir doch! Alle kehren sich ab von euch, alle werfen sich zum Richter über euch auf, und niemand liebt euch, niemand ist euch Freund! Ach, wie tut ihr mir leid, meine lieben, guten Leute! …« (…) Und er ließ den Kopf auf die Brust sinken, sich selbst ein Fremder.«

 

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