Kleist und der Polizeibericht

Heinrich von Kleist (1777–1811) war Dramatiker, Erzähler, aber auch Journalist. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er für die Berliner Abendblätter, und ein Artikel aus dem französischen Polizeibericht, den er verfasste, berührt einen seltsam. Darin sind die Umstände seines eigenen Todes vorweggenommen.
Die Geschichte kursierte in der französischen Presse, Kleist stieß darauf, und er gab sie wieder. Schon am 5. November 1810 (steht in den Anmerkungen von Band 2 seiner Gesammelten Werke, Harenberg 1982) erwähnte er den Fall, und am 14. November schrieb er einen Artikel für die Abendblätter.

Das Journal de la Côte d’Or enthält Details über den Selbstmord jener beiden jungen Liebenden, die sich, wegen verweigerter Einwilligung ihrer Eltern, einander zu heiraten, im Gehölz zu Gilly, erschossen haben. Es ergibt sich daraus, dass der Gedanke dazu zuerst in dem Hirn des jungen Mädchens entsprang, und der junge Mann, ihr Liebhaber, lange Zeit diesen Entschluss in ihr zu bekämpfen suchte.

Ein Jahr danach endete der große Dramatiker, 33 Jahre alt, auf ähnliche Weise. Anders als der junge Mann willigte er jedoch, der sich in einer tiefen Krise befand, enthusiastisch ein, als ihm Henriette Vogel vorschlug, gemeinsam zu sterben. Sie litt an einer unheilbaren Krankheit. Wann sie ihm dies mitteilte und wann der Entschluss zum Freitod gefasst wurde, weiß man nicht.

Bis September 1811 gibt sich Kleist in seinen Briefen noch unternehmend, schreibt im Mai des Jahres fünf Seiten an Wilhelm Prinz von Preußen (»Durchlauchtigster Fürst, Gnädigster Prinz und Herr!«) und im Juni zwei Seiten an Friedrich Wilhelm III. (»Großmächtigster, Allergnädigster König und Herr«). Erst im November wirkt er recht verdüstert (»Ihre Briefe haben mir das Herz zerspalten.«), aber auch begeistert.

Am 21. November 1811 essen Heinrich von Kleist und Henriette Vogel noch gemeinsam zu Abend, schäkern und laufen gut gelaunt herum. Dann erschoss am Kleinen Wannsee er sie, danach sich selbst.

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