Bologna – verwaist. Die Linke – verarmt

Bologna ist eine große Stadt in der Emilia, hat 384.000 Einwohner, und doch ist sie verwaist, wie zu hören war, als Umberto Eco vor zehn Tagen starb. Der andere große Bolognese war Liedermacher Lucio Dalla, gestorben heute vor vier Jahren, und auch damals wurde der Spruch vom verwaisten Bologna, vom verwaisten Italien bemüht.
Bologna war immer die Rote, wegen der roten Dachziegel und der Vorherrschaft der Linken in der Stadt. Umberto Eco und Lucio Dalla waren fast vierzig Jahre lang Seite an Seite die Wortführer des linken intellektuellen Italiens und ein Gegengewicht zu Silvio Berlusconi, der ab 1994 als unheilvolle reaktionäre Kraft das Land dominierte, viel versprach und wenig hielt.

Umberto Eco und Lucio Dalla traten im Fernsehen auf, gaben Interviews, waren unberechenbar und humorvoll und damit Vorbilder für viele junge Leute. Selber hatte ich es nicht bemerkt, aber Regina (übrigens die beste manipogo-Kennerin des Erdballs) fiel es auf: Die beiden waren sich etwas ähnlich, und Lucio Dalla hätte, wären ihm noch 15 Jahre vergönnt gewesen, ausgesehen wie Umberto Eco, unrasiert, leicht zerknittert, mit einem melancholischen Lächeln im Gesicht. (Ich hätte nie gedacht, dass mir Dallas Tod so nahegehen würde; ich kann seine CD Ciao von 1999 nicht anhören, ohne dass mir die Tränen kommen.)

Die Linke und das Fahrrad: Demonstration in Rom, 2000

Die Linke und das Fahrrad: Demonstration in Rom, 2000

Man könnte noch Romano Prodi hinzunehmen, der gern Rennrad fuhr und an der Universität Bologna tätig war, von 1999 bis 2004 die EU-Kommission leitete und von 1996 bis 1998 und dann zehn Jahre später noch einmal (auch wieder nur zwei Jahre: von 2006 bis 2008) als italienischer Ministerpräsident amtierte. Der jetzige Ministerpräsident Renzi hat auch soeben zwei Jahre geschafft. Wir blicken zurück: Im November 2011 endete das 4. Kabinett Berlusconi, das mit Prodis Abschied im Mai 2008 begonnen hatte. Es wurde mit dreieinhalb Jahren Dauer die am zweitlängsten amtierende Regierung der italienischen Nachkriegszeit. Danach regierte Mario Monti mit seinem Kabinett ein Jahr, Enrico Letta folgte ihm, bis Matteo Renzi, aus dem Hintergrund intrigierend, ihn verdrängte.

Als Lucio Dalla starb, war Monti mit seinem Kabinett der »Techniker« noch nicht lange im Amt, und da ― Anfang 2012 ―wäre auch für Italien der Abschied von der alten Polarität rechts/links anzusetzen. Ach, irgendwie ist es schade, die alten Feindbilder ablegen zu müssen. Doch es ist der derzeitige Weg der großen europäischen Demokratien.

Wie in Deutschland, wo CDU und SPD sich aufeinander zubewegt haben, bis sie kaum mehr zu unterscheiden sind, öffnete sich der Berlusconi-Kronprinz Angelino Alfano den Ideen der anderen Seite, und Renzi gab sich pragmatisch. Wie in Deutschland und in Spanien, wo Protestparteien kurzfristige Erfolge erzielten und ins Parlament einzogen, machte sich das Movimento Cinque Stelle unter Schreihals Beppe Grillo in Italien breit.

Die Verlierer sind, wie üblich, die Linken. Die deutsche SPD ist längst keine Linkspartei mehr, sie hat sich selbst entmündigt, hat sich vor dem Kapitalismus in den Staub geworfen. Dennoch begleitet sie der Nimbus der Partei der Arbeitnehmer, der Partei der Reformen. Heute, zehn Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg, sind die Umfrage-Ergebnisse miserabel, obwohl man mit den Grünen an der Regierung ist. Man macht den Spitzenkandidaten dafür verantwortlich. Doch auch in Bayern ist die SPD nur noch eine Witzpartei. Man braucht sie nicht mehr. In einem Land, das alles hat, will man verteidigen, was man hat. Man braucht die Konservativen dazu, aber keine SPD mehr. Sie schafft sich ja selbst ab, wirft sich nicht nur vor dem Konsum, sondern vor den eigenen Wählern in den Staub. Gabriel sagte am vergangenen Samstag, was er meinte, dass seine Wählerinnen und Wähler hören wollten. Da hatte Schäuble schon recht, das war erbärmlich. Ein Freund sagte einmal, für diese Partei hätte er nur mehr »Verachtung« übrig.

Renzi tut in Italien das Allernötigste, was ihm als Ministerpräsident des Partito Democratico (PD, links) abverlangt wird. er käme wunderbar mit Angie aus. Bei der Bilanz zwei Jahre Renzi ging es nur mehr um Wirtschaftswachstum und den Spread, um Zahlen und Daten. Die Politik hat sich von den hitzigen ideologischen Debatten abgekehrt und gibt sich als ökonomische Wissenschaft. Die leidenschaftlichen Kämpfe sind vorüber. Es geht nur noch ums Geld. Was wie Nüchternheit und Pragmatismus aussieht, ist eigentlich nur Resignation. Verloren hat auch das Spielerische, die Theorie, die Leidenschaft. Nur was man zählen kann, das zählt.

 

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