Unser ärztlicher Nachwuchs

Der Aufschrei einer anonymen Medizinstudentin weckte mein Interesse. Es ging um den unmenschlichen Leistungsdruck beim Studium und die Frage: Welche Ärztinnen und Ärzte kommen dabei heraus? Die Zeitschrift Der Gesundheitsberater hatte ihn im vergangenen Juni aus der Ärztezeitung nachgedruckt.
Für die Ärztezeitung in Neu-Isenburg hatte ich sogar eine Weile aus Rom berichtet, bis diese dann ― es mag vor 15 Jahren gewesen sein ― die Rubrik Kultur und Gesellschaft abschaffte. Für derartige »weichen« Themen war kein Bedarf mehr.

Die Studentin fragt sich in ihrer Abrechnung, welche Ärzte diese Gesellschaft hervorbringen möchte und befürchtet: »Menschen, die ein riesiges Fachwissen haben, deren soziale Intelligenz aber auf auf ein Minimum verkommen ist«. Viele scheiterten an den Anforderungen oder putschten sich mit Drogen auf. Ihr Resumee: »Wir rotieren in diesem krankmachenden System, bekommen jeden Tag vermittelt, dass es kaum reicht, sein Bestes zu geben, und sollen dennoch später einmal Menschen werden, die Verantwortung für das Leben anderer übernehmen können. Dabei verkaufen wir Stück für Stück unser eigenes Leben, unsere Freude und unsere Gesundheit.«

Natürlich möchte man keine Medizinmonster heranzüchten. Die Herzensbildung soll so nebenher entstehen, und vielleicht kommt sie später zustande, im Job. Doch erst einmal: das Handwerk. Den Körper und seine Bestandteile auswendiglernen muss man und die Technik voll beherrschen, mit denen man der Krankheit zu Leibe rückt. Anscheinend ist es nicht nur ein Klischee, wenn man der Schulmedizin vorwirft, für sie sei der Körper eine Maschine. Der Kranke und seine Psyche? Fehlanzeige. Vermutlich die große Leerstelle in den Lehrplänen.

Der Neurochirurg Allan J. Hamilton, über den ich schon einmal geschrieben habe (sein Buch Skalpell und Seele), gestand, es habe einer eigenen Erkrankung bedurft, damit er einsah, worum es ginge: um Mitgefühl. Als er im Krankenbett von seinen Ärzten ignoriert wurde (wie er es selber getan hatte; wem’s gut geht, der braucht keinen Zuspruch, habe er gemeint), schwor er sich, er werde künftig jeden seiner Patienten ansprechen. Hamilton fragte sich entgeistert, wie es möglich war, dass er in acht Jahren Krankenhausdienst nicht erkennen habe können, dass es etwas gäbe, das wichtiger war als Effizienz, Geschwindigkeit und Genauigkeit: der Mensch, der leidende Mensch. War er schuld? Wohl nicht. Die Atmosphäre ist so.

Und so ist diese Gesellschaft. Technokratisch. Vorsichtig schrieb 1988 der Schweizer Jean Starobinksi: »Es trifft zu, dass die hohe Technizität und die objektive Strenge, welche die Präzision der seriösen medizinischen Arbeit garantieren, sich leider oft mit einem gleichgültigen und unpersönlichen Verhältnis zum Patienten verbinden.« Ivan Illich schrieb schon vor 40 Jahren in seinem Buch Limits to Medicine: »Die Vermedizinierung der industriellen Gesellschaft bringt ihren imperialistischen Charakter voll zur Geltung.«

Es geht um die Macht. Die technische Machbarkeit erlebt derzeit ihren Triumph. Wie besoffen von ihrem Können verschreiben und kurieren Ärzte am Fließband, und der Patient ist das einzige Störende an einem routiniert ablaufenden Betrieb, der um die Krankheit kreist, die bekämpft, umzingelt, niedergerungen wird. Für so etwas wie Zuhören oder Barmherzigkeit ist da wenig Platz.

Die einzige leise Hoffnung ist eine Bewegung von unten, hin zur Antimedizin Starobinskis, die die Medizin immer schon begleitet habe. Nur der Patient selber kann die ausufernde technokratische Medizin in ihre Schranken verweisen. Er kann Heiler aufsuchen, die ihm zuhören und einen großen Bogen um die Arztpraxis machen.

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