Frauen und Heilen (2)

Die Geschichte über die heilenden Frauen, wie sie Jeanne Achterberg in Woman as Healer darstellt, geht weiter und endet auch heute. Anfang des 13. Jahrhunderts legten zwei Päpste den Grundstein zu Greueln, die ein halbes Jahrtausend anhalten sollten. Die Inquisition wurde installiert, und die Hexenverfolgungen begannen.
Die Waldenser, Katharer und Templer waren zu mächtig geworden. Papst Innozenz III. rief 1208 einen Kreuzzug gegen die Katharer ins Leben, die 100 Jahre danach ausradiert wurden, und ums Ausradieren ging es auch in der päpstlichen Bulle, die sein Nachfolger Innozenz IV. 1252 erließ: Ad extirpanda. Auszustoßen seien die Häretiker; festnehmen, foltern und töten dürfe, solle, nein: müsse man sie.

Prominente Theologen wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Arnald von Villanova erklärten die Frau für schuld an der Erbsünde und verteufelten Kräutermedizin und Divination, erklärten die weisen Frauen für Dirnen des Teufels. Hexen wurden für alles Mögliche verantwortlich gemacht, vor Gericht gezerrt, gefoltert und dann verbrannt. Alle Frauen, die unrechtmäßigerweise heilten, waren schuldig (die ersten ärztlichen Zünfte entstanden und hatten strenge Regeln), und besonders fürchtete man die Hebammen.

Es war eine dunkle Zeit, in der die Pest wütete. Manchmal löschte sie ein Drittel der Bevölkerung aus. Natürlich fand man auch Gründe, den Ausbruch einer Epidemie einer Frau anzulasten. Man weiß nicht, wieviele Frauen als Hexen verbrannt wurden. Es heißt, um 1600 habe man in Nordfrankreich tausende Pfähle gesehen, an die man Frauen gebunden hatte. In 150 Jahren will die Inquisistion 30.000 Hexen getötet haben, im ganzen war es vielleicht eine Million. Ganze Dörfer verödeten.

bonecollorJeanne Achterberg schreibt: »Die weitaus schlimmsten Verbrechen wurden in Deutschland verübt.« Das schmerzt. Noch bevor die Nationalsozialisten systematisch Juden ermordeten, hatten Deutsche also schon gegen die Hexen gewütet. Wir müssen darum Angela Merkel dankbar sein, die mit ihrem mutigen Schritt, den Flüchtlingen die Grenzen zu öffnen, versucht hat, etwas gutzumachen.

Der 1486 veröffentlichte Hexenhammer, für den zwei Dominikanermönche verantwortlich waren, blies zur Jagd auf Frauen und schilderte exakt die anzuwendende Folter. Wie im 20. Jahrhundert die Juden auch noch ausgeraubt und ausgeplündert wurden, so mussten nicht selten die »Hexen« selber für ihr Verfahren zahlen. Unter der grausamen Folter gestanden sie alles, was gewünscht war, und so war der Beweis anscheinend erbracht. Die letzte Frau, die als Hexe verbrannt wurde, starb in England 1684, in Amerika 1692, in Deutschland 1775. Die Kirche hatte an Macht über die Regierungen und die Herzen eingebüßt.

Als dann allmählich die Schulmedizin sich professionalisierte, hatten die Frauen wieder nichts davon. Im 19. Jahrhundert gehörten sie an den Herd und in die Familie. Einige Frauen kämpften, so die Geschwister Elizabeth und Emily Blackwell, Harriot Hunt oder Marie Zakrzewska. Bis 1896 konnte eine Frau nur durch Glück oder Zufall von einer US-Universität aufgenommen werden, und die Arme wurde von den männlichen Mitstudenten auf widerwärtige Weise verfolgt und gemobbt.

Auch im 20. Jahrhundert und bis heute bewährt sich das männliche Netzwerk. Zwar ist die Frau in der Medizin präsent und anerkannt, doch nur 10 Prozent der Frauen sind (in den Zahlen von 1990) in Verwaltung, Forschung und Lehre tätig. Die Ärztinnen bekommen für dieselbe Arbeit meist weniger Lohn als ein Mann, und sie sind öfter angestellt als Männer. Wo sind die Chefärztinnen, die Leiterinnen von Kliniken, die Professorinnen? Jeanne Achterberg hat die Macht der Mannesmedizin mit der damaligen Macht der Kirche verglichen.

Frauen sind als Krankenschwestern und Pflegerinnen tätig, die früher dem Arzt die Tür zu öffnen hatten, wenn dieser sich näherte. Alles ist in männlicher Hand, seit 3000 Jahren, und das Ergebnis haben wir nun. Die einen halten es für eine Erfolgsgeschichte, die anderen finden, wir seien auf dem Weg zum Untergang einen hübschen Schritt weitergekommen.

Frau Achterberg fasst das Ergebnis ihrer Recherche in 5 Thesen zusammen:

  1. Die Leistungen der Frauen beim Heilen und in den Wissenschaften wurden verkleinert, trivialisiert oder vergessen.
  2. Innovationen von Frauen, ihr Geschriebenes und ihre Traditionen häuslichen Heilens wurden von Männern gestohlen oder plagiiert.
  3. Frauen wurden für das Scheitern von Männern beim Heilen verantwortlich und zu »Sündenziegen« für viele Probleme der Welt gemacht, mit denen sie nichts zu tun hatten (zum Beispiel das Böse in der Welt).
  4. Therapieformen und medizinische Berufe, bei denen die Frauen in der Mehrzahl waren, wurden von Männern verboten, auf gerichtlichem Weg angegriffen und unter die Autorität männlich ausgerichteter Behörden gestellt.
  5. Die Frauen in den Heilberufen wurden ausgebeutet.

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