Tango mit El Piropo

Das Tango-Sextett El Piropo aus Barcelona gab vergangenen Samstag in Staufen ein Konzert. Es war der 9. Juli, der letzte Titel war der Tango 9 de julio von J. L. Padula (hier live zu sehen), und das hatte seinen Grund, denn an diesem Tag vor 200 Jahren erlangte Argentinien seine Unabhängigkeit, Argentinien, das für uns der Tango ist.

017Für Argentinier ist der Tango ein Musikstil aus ihrer Hauptstadt Buenos Aires, und Europäer schmelzen, wenn sie ihn hören, dahin. Buenos Aires war immer ein Schmelztiegel vieler Nationen; Italiener und Spanier, aber auch Deutsche schufen gemeinsam mit Argentiniern den Tango, der durch das Bandoneon – ein Mini-Akkordeon – seine melancholische Note erhielt. Tango spielen, ist schwer; ihn tanzen, nicht minder, — und doch ist das zu tun in unseren Breiten beliebt. Im Tango paaren sich Eleganz mit gut gemimter Leidenschaft. Die Tänzer verkleiden sich und treten in eine neue Welt ein, leben die Musik mit ihren Körpern.

In Staufen wurde mit dem umjubelten Konzert von El Piropo das zweijährige Jubiläum des dortigen Tango- und Bandoneon-Museums gefeiert, das die Sammlung von Konrad Steinhart aus Kirchzarten zeigt. Am Sonntag morgen dann erzählte Almut Wellmann die Geschichte des Bandoneons, unterstützt von ihren Mitmusikern. Das Bandoneon, das seinen Namen vom Erfinder Ludwig Band herleitet, kam mit Emigranten aus Europa in die große Stadt am Rio de la Plata.

008Schon die ersten Töne des Bandoneons (bei El Piropo gespielt von Frau Wellmann und Gaspar Müller) erzeugen eine unerklärliche Schwermut, die auch schön und lebensbejahend ist; ja, das Leben ist schwer, doch Humor und Fröhlichkeit sind möglich und authentisch vielleicht nur auf der Folie der condition humaine, der André Malraux, Vorläufer der Existentialisten, Ausdruck verliehen hat. Der Kontrabass (Emiliano Roca Gomez) gibt das Fundament, die Gseigen (Berna Jones und Jaime del Blanco) fügen das Gefühl hinzu, und das Piano (Leandro Avalle) ist sozusagen der Kopf hinter allem, der intellektuelle Diskurs. Die Tangos aus 100 Jahren, die gespielt wurden, wirken zuweilen sehr beherrscht, kühl und transparent, finden zu Süße, und immer wieder gibt es Rhythmenwechsel, rasante Kehren und jähe Schlüsse. Im Tango haben Europa und Südamerika zusammengefunden.

El Piropo aus Barcelona, nur Leandro Avalle fehlt

El Piropo aus Barcelona, nur Leandro Avalle fehlt

Hier ist er

Hier ist er, das Kraftzentrum zur Linken

Am Sonntag waren wir nur 20 Zuhörer gewesen. Einer hat Akkordeon erlernt und transportiert es im Rucksack, spielt aber nur für sich. Meine Mutter war mit 15 im Akkordeon-Unterricht bei Klosterschwestern in Landsberg am Lech und schleppte ihr Instrument die Alte Bergstraße hinunter und wieder hinauf. Später habe ich es noch ein paar Male gehört, aber seit Jahrzehnten ruht das gewaltige Ding in seiner Tasche, in der Besenkammer der derzeitigen Wohnung meiner Mutter. Almut Wellmann sprach mit ihr und riet ihr, mal wieder zu spielen, und der Akkordeonist aus dem Publikum sagte: »Das Instrument muss atmen.« Und am Abend packten wir es aus, und meine Mutter spielte auf den Tasten herum und brachte sogar noch ansatzweise die Melodien von Lustig ist das Zigeunerleben und Du, du liegst mir am Herzen zustande.

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