Electropolis

Mulhouse im Elsass hat ein Elektrizitätsmuseum, und ich war dort. Weil ich mich für Elektrizität interessiere und darüber ein Buch schreiben möchte. Wie in Mainz wurde ich gleich zu einer Vorführung geschickt: Elektrostatik. Da fliegen die Haare!

Schon vor 200 Jahren fand es der englische Dichter Percy Bysshe Shelley attraktiv, wenn Freund kamen, hinter seinem Schreibtisch eine Vorrichtung hervorzuzerren, an ihr herumzukurbeln, und plötzlich war er aufgeladen, und seine Haare standen in alle Richtungen ab! Fand man damals toll. (Bald danach, 1818, schrieb seine Frau Mary Shelley den Frankenstein, und das fand ihr Mann toll.) So war das auch in Mulhouse. Anouschka, ein Kind, hatte Angst und fing zu weinen an. Eine Lehrerin stellte sich dann zur Verfügung.

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Elektrostatik ist ungefährlich. Elektrizität überhaupt hat unser Leben erleichtert, half im Haushalt, bei der Beleuchtung, im Verkehr und heute in der Kommunikation. Vergessen wir nicht, dass der Mensch elektrisch ist (die Zellen kommunizieren über elektrische Impulse) und auch magnetisch (jeder Strom bewirkt Magnetismus). Elektromagnetische Felder sind überall. Das Magnetfeld der Erde leitet Tiere, und am Himmel entstehen Blitze; das ganze Wetter ist elektromagnetisch.

Frühe elektrische Anlagen

Frühe elektrische Anlagen

Das Zentralstück des Museums ist eine Anlage von Brown, Boverie and Cie von 1903: eine gewaltige Apparatur mit Ventilen, Rädern, Gehäusen und Gestänge. Es arbeitet vor sich hin und erzeugt dabei, blau, rot und gelb beleuchtet, fast musikalische Rhythmen, die ich mit meinem kleinen Rekorder aufnahm. Dann kam ein junger dicker Mann im Blaumann und ölte mit einem Kännchen die wichtigen Stellen der Anlage. Klösterliche Stille in der Dunkelheit herrschte; es schien fast wie das Zentrum der Welt, das unaufhörlich arbeitete, wobei man nicht wusste, was der Sinn war; in den Sinn kam mir der Tinguely-Brunnen in Basel mit seinen sinnlos vor sich sich hindrehenden Geräten, spulend und keuchend und rotierend, immerzu.

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So arbeitet die Welt. Oben blickt gerade der Volllmond auf mich herab, und dort drüben, in Mulhouse, arbeitet Tag und Nacht die BBC-Apparatur, stöhnt und schleift und pumpt. Gut zu wissen.

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