Assistierte Automaten

Ich komme mit meinem Buch nicht richtig weiter. Darum läuft manipogo schon eine Weile im Dreitages-Rhythmus. Heute etwas, das mir auffiel in Ludwigshafen und in Opfikon: Man bereitet uns auf eine Welt ohne Menschen vor. Mit Geräten sollen wir kommunizieren, aber noch traut man denen nicht, also steht ein Mensch dabei.

Ludwigshafen hat einen öden Bahnhof mit Treppen ohne Lift und einer kahlen Eingangshalle. Da steht ein Fahrkartenautomat in der Mitte, bei dem man nicht mit Karte bezahlen kann, weil irgendein Idiot etwas in den Schlitz geschoben hat. In einem Büro am Rande der Halle wirkt ein Bahnbeamter, doch ein Schild warnt, er verkaufe keine Fahrkarten, sondern sei nur für Beratung zuständig.

Der Mann langweilt sich sichtlich. Doch er soll nur überwachen. Er darf allenfalls beraten. Mittlerweile kosten manche Angebote am Schalter 2 Euro mehr als am Automaten; das ist das Druckmittel des Unternehmens Deutsche Bahn, um uns zu den Automaten zu lenken.

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In Opfikon bei Zürich gab es eine kleine Postfiliale. Sie wurde jedoch aufgelöst. Im Eingangsbezirk des Schwimmbads gibt es nun eine Ecke, in der man seine Briefe auflegen und vorbereiten kann; bezahlt wird am Schalter. Soll ganz einfach sein. Auch hier steht ein Mensch im Rückraum. Ich wollte ein Buch versenden. Die Frau am Schalter riet mir, zur echten Post in Glattbrugg zu fahren. Da erfuhr ich, dass es Büchersendungen in der Schweiz nicht gibt. Also 7 Euro, um mein Radsport-Buch in den Kanton Appenzell zu schicken.

Büchersendungen in der Schweiz, das gab’s mal, ich erinnere mich. Überall wird diversifiziert und alles verkompliziert, wir werden mit neuen Produkte und Angeboten überschwemmt, doch wenn du etwas Spezielles willst, das wenige andere wollen, musst du zahlen. Es stimmt, was einmal ein Bekannter sagte: Errungenschaften werden abgeschafft. Dinge wurden mühevoll errungen, doch dann werden sie mangels Profit wieder gelöscht. Und was einmal weg ist, kommt nicht wieder.

Aber was bedeutet das im Angesicht von Aleppo, das kein Gesicht mehr hat, völlig zerbombt ist. Der russische Bombenpilot hat seine Order, zischt näher, drückt zwei Knöpfe und zieht die Maschine wieder hoch. Mission accomplished. Die Befehlshaber sind weit weg davon, wissen jedoch, was sie tun. Es sei die größte humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg, sagt die UNO. »Humanitäre Katastrophe« heißt hunderte Tote, tausende Tote, hunderttausend Flüchtlinge. Damit ein Diktator, der seit fast 50 Jahren regiert, weiterregieren und Putin weiter zu Diensten sein kann. Die Täter verstecken sich hinter ihren Geräten und ballern ihre Ladungen in die Häuserruinen hinein. Es ist ein anonymer, hochtechnisierter Krieg, der allerhöchsten Schrecken verbreitet. Ein Häuserkampf ist mühevoll; also will man Aleppo einfach ausradieren, um freies Schussfeld zu haben. Das ist ein gigantisches Verbrechen.

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Und bei uns sind die Verwalter der Welt (Adorno) rastlos tätig, um uns auf eine schöne neue Welt vorzubereiten, durch die du wie ferngesteuert läufst, Tasten drückst und auf Stimmen aus dem Nichts (eine Frauenstimme sagt dir in Italien, was du am Automaten als nächstes tun musst: Führen Sie Ihre Kreditkarte ein. Danke sehr.) oder schriftliche Befehle auf Displays reagierst. Das alles – warum? Weil es angeblich Kosten sparen hilft.

Das Diktat der Ökonomie. Man nimmt es ja gern in Kauf, wenn damit das Diktat der Gewalt zu vermeiden ist. Wenn man sonst schon keine göttliche Weisung hat und nicht weiß, wohin diese Gesellschaft sich bewegen soll, lässt man sich vom vermeintlichen Kostendruck leiten. Man wartet auf Befehle, man führt sie aus, und niemand ist verantwortlich. Keiner weiß Bescheid. Niemand will verantwortlich sein. Schon jetzt werden wir von Automaten gesteuert, die nicht wissen, dass sie menschliche Automaten sind.

 

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