Jüdische Witze

Der jüdische Witz zeigt immer wieder auf, »dass gerade in einer am eindringlichsten mit dem Handwerkszeug der Logik begriffenen Welt die Gleichungen, die ohne Rest aufgehen, nicht stimmen können«.  So schreibt Salcia Landmann, die 1963, in St. Gallen wohnend, eine Sammlung bei dtv herausbrachte, und das lässt an den letzten manipogo-Beitrag denken — und an Adorno, der sagte, Kunstwerke, die ohne Rest aufgingen, seien keine. Denn gute Witze sind kleine literarische Kunstwerke.  

Witze müssen doppelbödig und überraschend sein. Das Wichtigste dürfen sie nicht aussprechen, müssen es aber auch nicht, da sie so konstruiert sind, dass sich die Pointe ungesagt aufdrängt — und Gelächter auslöst. Leider gibt es ihn nicht mehr, den jüdischen Witz. Frau Landmann: »Wohin man blicken mag ― die Bedingungen, welche den jüdischen Witz erzeugt haben, findet man nirgends wieder. Ein Teil des  jüdischen Volkes hat den Naziterror zu überleben vermocht ― nicht aber sein Witz. Er gehört heute der jüdischen Vergangenheit an …«

Weit hinten: die Mauer um das Warschauer Ghetto, hinter der 500.000 Juden leben mussten, 1940 (Library of Congress, Wash. D. C.)

Weit hinten: die Mauer um das Warschauer Ghetto, hinter der 500.000 Juden leben mussten, 1940 (Library of Congress, Wash. D. C.)

Aber nun ein paar Beispiele aus dem Bändchen Jüdische Witze (1963, dtv, München), das sich bis 1979 800.000 Mal verkauft hatte: ein Bestseller. Die Adresse der Herausgeberin weckte meine Neugier noch mehr, und Wikipedia weiß, dass Salcia Landmann in St. Gallen, wo sie schön am Berg jenseits des Bahnhofs in der Winkelriedstraße lebte, 2002 starb, fast 90 Jahre alt. Darf man zitieren? Aus Büchern, deren Autoren über 70 Jahre tot sind, darf man es, und aus anderen darf man es angemessen und nicht zu ausgedehnt. Ach, ich gebe einfach zwei wunderbare Witze wieder, meine Lieblinge  aus dieser großartigen Sammlung. Das erste ist ein Fahrrad-Witz und hat eine gelungene Pointe.

Doktor Kinsey, der bekannte Verfasser verschiedener Bücher über das Liebesleben in den USA, macht durch seine Assistentin Erhebungen über außereheliche Geburten. Bei der Auswertung des Materials fällt auf, dass fünf Mädchen in Brooklyn, Bronx, Hoboken, Newark und Richmond unabhängig voneinander einen gewissen Itzig Mandelstamm aus Jersey City als Vater ihres neugeborenen Kindes angeben. Die Assistenten begeben sich neugierig auf die Suche nach dem Casanova ― sie finden einen alten Herrn mit schlohweißem Bart! »Sagen Sie bloß: wie machen Sie das?« ― »Ich hab‘ ein Fahrrad.«

2009 in Mailand fotografiert: den Bildhauer Pietro Coletta, der Räder "wie alte Statuen" betrachtete

2009 in Mailand fotografiert: den Bildhauer Pietro Coletta, der Räder „wie alte Statuen“ betrachtete

Der zweite Witz ist köstlich, weil er die Hauptsache verschweigt. Der Leser weiß es sofort ― und lacht. Literatur lässt den Leser selbst die Schlüsse ziehen.

In Lemberg erzählte man sich folgende Geschichte: Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher sind zusammen mit einem Rabbiner beim Papst zur Audienz zugelassen. Der Papst spricht zum Katholiken: »Sie, als Angehöriger unserer Kirche, dürfen mir die Hand küssen.« Dann wendet sich der Papst an den evangelischen Pfarrer: »Trotz allem sind Sie schließlich Christ. Ich erlaube Ihnen, meinen Fuß zu küssen.« Darauf wendet sich der Papst zum Rabbiner. Bevor der Papst aber noch etwas sagen kann, dreht sich dieser um und sagt: »Ich kann es mir schon denken. Ich geh‘!«

 

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