Trance, Sexualität, Alkohol

In dem Sammelband Corps à prodiges (Körperliche Wunder) von 1977 verbreitet sich Professor Georges Devereux am Beispiel der Bacchantinnen im antiken griechischen Theben über das Thema Trance und Sexualität. Devereux machte lange Jahre ethnologische Feldarbeit bei den Mohave in den USA und in Indonesien, war aber auch Philologe und Traumforscher.

Es geht ihm um die Frage, ob die Frauen, die nach Darstellungen von Euripides und Herodot im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus den ekstatischen Dionysos-Kult pflegten und in Wäldern und auf Bergen sich auslebten, sexuell ungezügelt waren. Sein Urteil fällt ausgewogen aus: Die einen waren’s, stürzten sich ins Ritual und »trieben es«, die anderen blieben keusch, ―und sie waren die Priesterinnen, folglich die wahren Bacchantinnen: Für sie ersetzte die echte Trance den Orgasmus. Bacchus ist der Beiname von Dionysos, des Gottes des Weins und des Rausches.

Ein Raum für Rituale

Ein Raum für Rituale

Göttervater Zeus traf zu nächtlicher Stunde stets seine Geliebte, die sterbliche Semele. Sie bedrängte ihn, sich so zu zeigen, wie er sich seiner Frau Hera zeige. Das war unmöglich, und der Gott zeigt sich Semele als Blitz und tötet sie. Zeus ließ ihr ungeborenes Kind in seinen Lenden heranwachsen, und so wurde Dionysos geboren, der demnach nur ein Halbgott ist, da seine Mutter eine Bürgerliche war. Er zieht mit einer Gruppe Frauen umher und richtet seinen Kultus ein. (Nietzsche schrieb darüber: das Dionysische als Musik, das Apollinische als die bildende Kunst.)

Die Bacchantinnen sollen reine Milch getrunken haben. Das klinge harmlos, schreibt Devereux, weist aber darauf hin, dass in Homers Odyssee die Zyklopen Milch tranken und dies als Zeichen für Barbarei galt. Denn die Griechen verdünnten stets ihre Milch und auch ihren Wein. Griechische Bauern hielten die Milch von Kühen für schädlich, und einige Völker können sie gar nicht verdauen. Bei  uns gibt es heute eine Trendenz zur Laktoseunverträglichkeit, was vielleicht an einem Übermaß an Chemikalien in unserer Nahrung liegt. Die Kuhmilch brauchten die Bacchantinnen vielleicht, um sich wieder zu ernüchtern, bevor sie in die nächste Runde gingen.

Es sollen auch viele Kinder zur Welt gekommen sein, die dann ausgesetzt wurden. Woher kamen die Partner? Das erzählt uns der Gelehrte nicht. Es werden den wilden Weibern wohl mutige Männer gefolgt sein, und manchmal trieben sie vielleicht auch einen Schafhirt auf.

Es liegt auf der Hand, dass beim Kult des weinseligen Dionysos Alkohol getrunken wurde, meist in Massen der verdünnte Wein. Es kann auch sein, dass die Bacchantinnen sich ein Getränk aus vergorener Stutenmilch zubereiteten, das alkoholisierend wirkte. Frauen, denen es nicht gelang, die Trance durch den Tanz zu erreichen, mussten eben nachhelfen und Alkohol zu sich nehmen. Devereux erinnert daran, dass amerikanische Mädchen bis zum Zweiten Weltkrieg meist Alkohol als Lockerungsmittel benutzten, bevor es an und in den Akt ging.

teresa_von_avila-verzueckungNatürlich kannte Devereux die Mechanismen um Trance und Hysterie aus Paris aus den Arbeiten von Jean-Michel Charcot. In der Großen Hysterie träten einem alle Manifestationen entgegen, die wir aus Koitus und Orgasmus kennten. Die meisten Frauen, die solche Krisen erlebten, seien entweder körperlich oder psychisch frigide, und die Große Krise ersetze ihnen den Orgasmus. Das ersieht man auch aus Beschreibungen christlicher Mystikerinnen, etwa der heiligen Therese von Avila, die sich von einem Speer durchbohrt fühlte, den ein Engel hielt, und dabei höchste Seligkeit verspürte. (Illustration: Berninis Skulptur, die die Szene zeigt. Zu sehen in einer Kirche in Rom.)

Anmerkung dazu von Devereux: Messianische, ekstatische und religiöse Kulte entstehen vorzugsweise in Perioden der Wohlhabenheit. Die Menschen »sticht der Hafer«, schrieb er (so auf Deutsch), und die Utopie, die sie mit ihren Bewegungen verfolgen, ende, wie die Geschichte zeige, mit dem Verlust der Lebensgrundlagen und der Freiheit. Das war in Griechenland und in Rom auch so.

Georges Devereux’ (1908–1985) vertrat die Ethnopsychoanalyse, das heißt die Gedanken von Freud, wie er sie bei den »Völkern mit Tradition«wiederfand, wo man ― ob in Nigeria oder auf Haiti ― auch ekstatische Tänze und Orgien ausübten. Seine Arbeit wurde von Tobie Nathan und Marie Rose Moro weitergeführt, die hauptsächlich mit Migranten arbeiteten (Ethnopsychiatrie).

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