Die Welt des Cosmopolitan

Mit meiner alter Mutter beim Zahnarzt gewesen. Blick aus dem Wartezimmer auf die Staufener Burgruine. Zu lesen gab’s neben einer Batterie überflüssiger Zeitschriften auch den Cosmopolitan, das Novemberheft. Ich kam mir, lesend, wie ein Ethnologe vor. Eine fremde Welt tat sich vor meinen Augen auf.

Der »Kosmopolit« ist eine Frauenzeitschrift. Er (er?) will wohl Frauen von 20 bis 50 ansprechen, die höhere Ansprüche haben. Bevor wir zum Editorial der Chefreakteurin Anja Delastik vordringen, müssen wir allerdings 15 Seiten Werbung durchblättern. Doch das ist nicht irgendeine Werbung, da produzieren sich Sensai, Kenzo, Laura Biagiotti und Bulgari, das blättert man gern durch, denn jegliche Werbung im Cosmpolitan ist schon Aussage, appeal, Anmache.

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Die Chefredakteurin schreibt also: »Liebe Cosmo-Leserin! Wie stellen Sie sich das perfekte Leben vor? Eine gut bezahlte Stelle, am besten irgendwas Kreatives, einen coolen Mann mit Küchenchef-Skills, zwei prächtige, aufgeweckte Kinder, einen bunten Freundeskreis und einen Schrank voller Schuhe?« Damit hat sie ihre Leserin schon umrissen, denn man schreibt ja auf eine imaginäre Leserin zu. Der coole Mann braucht also Küchenchef-Skills, damit kann man beeindrucken, aber lass ihn bloß nicht Philosophie- oder Physik-Skills haben, das törnt sowas von ab.

So eine Lebensdefinition kann anstrengend sein. Vergessen hatte Frau Delastik: einen tollen body, straff und schlank, eine großzügige Wohnung mit Blick ins Freie und zwei Autos, einer davon ein Geländewagen. Versteht sich vielleicht von selbst. Schattenseiten: die To-do-Listen, die wenigen Work-Life-Balance-Fluchten (Reisen in die Karibik) und der drohende Burnout.

dscn4095Was auch der Redaktion drohen könnte, die angeblich 322 Paar Jeans getestet hat, in Preis von 60 Euro bis 280. Mit manchen Klamotten kann man irre sexy wirken oder auch cool punkig, aber zuviel davon lässt das outfit ins Trashige umkippen. Also Vorsicht! Rita Ora ist La Dolce Rita und versucht, im business dranzubleiben. Harte Arbeit. Zwischendurch Schnäppchen-Vorschläge: die Leoparden-Pumps von Sam Edelman (150 Euro) und die rosa Loewe-Tasche, supersoft zu berühren, was man schon erwartet für den Preis von 1.200 Euro. Overknee-Stiefel aus weichem Leder sind sexy (find ich aber auch!). Mädels, also: »Flott die Kreditkarte shopping-ready polieren« und rein ins Getümmel! Die Drogeriekette dm wirbt mit »more you«. Dann geht’s um Sex. »Zwölf der coolsten Kerle Deutschlands verraten, was sie antörnt.« Zehn davon sind zwischen 30 und 40, der einzige Ausreißer ist Andreas Altmann, 67, der ein Buch mit dem Titel Frauen. Geschichten. geschrieben hat.

Das ist nicht punkig, sondern punktig. Geht noch schlimmer: als Dreier-Fallbeil-Sentenzen, eine Mode. Angefangen hat damit die deutsche Armee: Wir. Dienen. Deutschland. Nun machen das alle nach und wissen gar nicht, warum. Weil’s halt trendy ist. Weil’s alle machen. Über den Bekenntnissen der coolsten Kerle steht: »Macht! Uns! An!« Einfach doof ist das.

Die coolsten Mädels Deutschland dürfen nicht sagen, was sie anmacht. Das erledigen vier weibliche Profis, die von Sex leben. Ihre Namen sind Gedicht: Ines Arioli, Leila Lowfire, Mimi Erhardt, Paulina Pappel. Da geht’s ans Eingemachte. Da verraten wir nichts. Für 2,20 Euro, was der Cosmopolitan kostet, kriegt man das. Am Ende kriegt man noch mehr: genauso viel Werbung wie am Anfang. Und die ist intensiv, hochtourig, bunt, schreiend: Die Welt der Gefühle und der Gefahren wird heraufbeschworen; heiße Leidenschaft und fauchende Tiger und brennende Küsse. Cosmopolitan ist Utopie und der Gegenentwurf zur verwalteten Welt und der grauen Routine, die überall herrscht. Wo ist diese andere Welt, wo sind die Parties mit den aufgebrezelten Mädels? Ja, letztes Silvester in Berlin, ja. Da. Waren. Sie. Doch mit der Kreditkarte kann man sich den style nicht kaufen. Ich sage nur: Fahrt nach Frankreich. Da herrscht irgendwie erotische Atmosphäre. L’amour se fait sentir.

Ja, wenn durch diesen Happy-go-lucky-Entwurf nicht so viel Normatives (und damit Deutsches) durchschimmern würde. Da kommt Druck auf, denn du willst ja kein Herpes haben beim date, willst die richtigen Klamotten tragen, um ihn zu beeindrucken, aber pass auf, sonst rennst du dem burnout in die Arme statt dem lover.

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