Die Prophetie der Sonne: Anna Maria Taigi

Der Katholizismus hat in seiner Geschichte heiligmäßige Gestalten, die zu den erstaunlichsten Dingen fähig waren. Anna Maria Taigi (1769-1837) prophezeite in Rom 47 Jahre lang bis zu ihrem Tod Kriege, wer Papst werden würde, wer sterben und wer sich von einer Krankheit wieder erholen würde. Sie irrte sich nie.

Anna Maria kam 1790 aus ihrer Geburtsstadt Siena nach Rom, heiratete dort einen gewissen Domenico und war fortan treue Ehefrau und Mutter. Als sie eines Tages hübsch geschmückt in den Petersdom treten wollte, blickte sie ein Pater ernst an ― und plötzlich erwachte in ihr der Wunsch, allem Schmuck zu entsagen und sich in den Dienst Gottes zu stellen. Sie war erst 21 Jahre alt. Anna Maria Taigi fing an, zu beten, sich zu kasteien und zu büßen. Vor allem für die armen Seelen im Fegefeuer setzte sie sich ein; für sie wollte sie leiden. Schon bald nach ihrer Bekehrung begann sie, als sie sich gerade geißelte, vor sich eine Sonne zu sehen, die etwa drei Meter vor ihrem Gesicht und 30 Zentimeter oberhalb schwebte. Diese Sonne soll sieben Mal stärker geleuchtet haben als unsere Sonne, aber Anna Maria sah sie durch ihr krankes Auge, das sie beinahe verloren hätte.

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Die Informationen (und die Illustrationen) entstammen dem Band Die Selige Anna Maria Taigi 1769 — 1837 von Monsignore Carlo Salotti, erschienen 1928 im Missionsverlag St. Ottilien in Oberbayern, nahe bei Landsberg am Lech. Der Monsignore schreibt: »In dieser Sonne reihten sich Bilder an Bilder, wie man solche in einr Zauberlaterne vorübergehen sieht. … In dieser Sonne gewahrte die Dienerin Gottes alle physischen und moralischen Dinge dieser Welt, sie drang sogar in die Abgründe der Erde und in die Räume des Himmels; sie sah auch fernabliegende physische Gegenstände und durchforschte die verborgensten Gehiemnisse; sie las die geheimsten Gedanken in den Seelen der ihr Bekannten und Nahestehenden, ja sogar jener, die fern von ihr waren; auch unterschied sie ganz klar den Zustand der Gewissen, deren Quelen und Leiden, alles dies erschaute sie mit einem einzigen Blick in ihre Sonnenkugel.«

Kardinal Pedicini meinte, die Sonne sei vielleicht die Gottheit selbst; jedenfalls erinnert sie sehr an den Aleph-Punkt, den Jorge Luis Borges in seiner Erzählung El Aleph seine Hauptperson in Buenos Aires finden lässt, auf einer Treppe in einem alten Haus. Er blickt hinein und sieht ALLES. In der nordischen Welt kennt man hamingja, die gestaltverändernde Kraft (auch Glück, Macht, Schutzengel bedeutend), die sich auf Menschen übertragen oder in den Raum projizieren lässt. Edred Thorsson schreibt: »Diese Kraft kann durch rituelle, magische Handlungen und ehrenhaftes Verhalten ständig gestärkt werden. Fylgja stellt den Aufbewahrungsort dieser Handlungen dar, symbolisiert durch eine weibliche Gestalt, ein Tier (…) oder einen vor dem Menschen schwebenden Halbmond.«

So sah Anna Maria Taigi alles klar vor sich, und wenn ihr jemand begegnete, wusste sie, ob er dem Tod geweiht war. Oder sie wusste: Das wird der nächste Papst. Viele Menschen wandten sich an sie, und sie hatte immer recht. 1920 wurde sie im Vatikan selig gesprochen, denn sie heilte auch eine große Anzahl von Menschen. Manchmal schilderte sie ein Ereignis so, als wäre sie persönlich dabei gewesen, etwa den Tod eines berühmten persischen Heerführers. Sie erzählte auch Details von der Ermordung eines Generals ihres Ordens. Anna Maria war als Laienschwester dem Trinitaria-Orden beigetreten. Sie betete unausgesetzt, ging bei jedem Wetter barfuß zu den Friedhöfen und betete dort für die Armen Seelen. Und zu Hause ließ sie sich von ihrem tyrannischen Mann drangsalieren, alles mit Demut und Geduld.

taigi2Wenn man an ihre Vorhersagen denkt, taucht der Gedanke auf: Also ist alles vorherbestimmt. Sagen wir es so: scheinbar. In einem Fall sah Anna Maria den Tod eines Klerikers; aber sie flehte um seine Erholung, und wirklich wurde der Mann gesund. Auch von tibetanischen Lamas weiß man, dass sie sich nicht beeindrucken ließen, wenn ihr Tod am Horizont zu sehen war. Sie folgten einem Ritus und beteten einen bestimmten Gesang, um doch noch leben zu bleiben. Die Zukunft ist in großen Zügen vorherbestimmt, aber in bestimmten Fällen noch änderbar. Die Quantenphysik meint, dass alle möglichen Bahnen des Elektrons dessen Endzustand bestimmen. Alles, was geschehen könnte, beeinflusst das, was geschieht. Nachdenken über das, was geschehen ist, bringt einen immer weiter.

Man könnte sogar zurückgehen in der Zeit und mit Willen und Intention eine »Bahn« beeinflussen, um das Endergebnis doch noch verändern zu können. William Braud schrieb einmal über Eingriffe rückwärts in der Zeit (durch Beten und Konzentration), womit man eine Entwicklung hin zu einer Krankheit post hoc noch verhindern könnte.

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