Zwei alte Frauen

Neben dem Fahrradständer vor dem Heim, in dem meine Mutter lebt, steht ein Regal mit den üblichen abgelegten Büchern. Da holte ich mir den dünnen Band Zwei alte Frauen heraus, eine Indianerlegende von Velma Wallis, die 1960 als eines von dreizehn Kindern einer Ahtabaska-Familie am Fluss Yukon im kalten Alaska aufwuchs.

Die Geschichte, die 1993 herauskam, hat die Mutter der Autorin oft erzählt. Zwei alte Frauen ist die Geschichte von Velma Wallis‘ Großmutter und einer Tante. Sie geht so: Ein harter Winter steht dem Stamm bevor, der weiterziehen muss. Der Rat beschließt, die 80-jährige Ch’idzigyaak und die 75-jährige Sa‘ zurückzulassen, weil sie dauernd nörgeln und ihnen zu schwach vorkommen. Der Häuptling verkündet es, niemand protestiert.

Sa‘ ist optimistisch und kämpferisch, Ch’idzigyaak stets abwartend und negativ. Der Stamm ist fort, und Sa‘ sagt: »Wir können hier sitzen und auf den Tod warten, zu dem sie uns verurteilt haben. Sie vergessen, dass auch wir ein Recht haben zu leben! … Lass uns handelnd sterben!« Wie heißt es im Märchen der Bremer Stadtmusikanten: »Etwas Bessres als den Tod findest du überall.« Und Dylan Thomas schrieb: »Do not go gently into that good night.« Geh nicht kampflos hinüber, wehr dich, so gut es geht!

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Blau ist der Himmel. Es wird kalt. Die beiden wandern los, übernachten in Schneehöhlen, dem warmen Bauch der großen Mutter Erde, fangen ein erstes Kaninchen, bauen sich ein Lager, und manchmal versagen ihnen die alten Knochen und Glieder wegen der Erschöpfung ihren Dienst. Mit unglaublicher Zähigkeit finden sie langsam ins Leben zurück, töten Tiere, räuchern und braten sie, suchen ein neues Revier, fangen Fische und rüsten sich ein richtig schönes Lager für den kommenden Winter.

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Das Leben der Indianer im kalten Alaska: Es geht ums Überleben, das die ganze Energie beansprucht. Immer wieder muntert Sa‘ die traurige Freundin auf, und kaum zu fassen: Sie überleben, weil sie klug und zäh sind. Es ist eine Legende und ein Lehrstück, das aber glaubhaft und schlicht beschrieben ist. Der Winter naht, der Stamm kehrt zurück, ausgehungert und elend. Alle bereuen, dass man die alten Frauen geopfert hat. Doch man findet sie wieder, sie lindern mit ihren Vorräten sogar die erste Not ihres Stammes.

Mit kleinen Schritten kommt es, über Vorwürfe und Verzeihungen, zu einer Aussöhnung, denn: »Der Körper braucht Nahrung, aber die Seele braucht Menschen.« Ch’idzigyaak und Sa‘ werden zu geachteten Mitgliedern ihres Volkes. Der Fährtensucher Daagqq erkennt, dass in den beiden »jene innere Stärke wiedererstanden war, die ihn im vergangenen Winter verlassen hatte … Er hatte neue Achtung vor allen Menschen gewonnen.«

Im Heim meiner Mutter in Staufen sehe ich alte Damen von 95 Jahren mit ungeheurer Lebenskraft und Willensstärke. Sie wollen leben. Ich bewundere sie. Man sollte ja auch leben, so lange es geht – wie wir aus der indianischen Legende lernen, kann man dadurch ein Beispiel geben, und überhaupt, jede Erfahrung in diesem Leben ist wichtig und gibt uns eine Basis für die künftige Welt. Meine Mutter ist ja eher wie Ch’idzigyaak: Sie mosert und schimpft viel; aber die Seele braucht Menschen. Sie hat da ein Umfeld und Menschen, die sie mögen. Man sitzt schweigend zusammen, man rauft sich zusammen, man singt zusammen, Erfahrungen sind es, und jeder Tag ist neu und ein Geschenk.

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Ein Kommentar zu “Zwei alte Frauen”

  1. Regina

    … und dann folgt die schöne Stelle als sie so dahinwanderte, mit sich selbst redete und jemand „mit wem sprichst du“? sagt, sieht sie sich einem großen, kräftig wirkenden Mann gegenüber, der sie auf kühne Art anlächelte – in jenem Augenblick spürte sie, dass sie ihm vertrauen konnte und erzählte ihm ihre Geschichte… ein schönes Buch – ich hab es auch im Regal stehen! Liebe Grüße Gina

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