Vom Gehen im Schnee

Wir müssen im Winter nicht draußen campieren – außer man ist ein armer Flüchtling im Zelt in Griechenland, das auch kalt sein kann. Aber an extrem lange und kräftezehrende Wanderungen erinnere ich mich, nur waren sie selten geplant, und wenn’s vorbei war, dachte man gern an sie zurück.

Es unterziehen sich Leute ja Märschen über die Alpen und nach Santiago de Compostela, und das ist Selbstbeweis, Selbstvergewisserung und Sport. Zu Fuß kann man an einem Tag ohne Schaden durchaus 50 Kilometer zurücklegen. Das Wandern ist die uns gemäße Fortbewegungsart, bei der man auch schön denken und sich unterhalten kann.An einen Marsch übers Eis denke ich gern zurück. Es war vor über 30 Jahren, Ende Februar 1986, ich hatte Dienst in meiner Abteilung der Presseagentur an der Außenalster in Hamburg, und auf den Philippinen bereitete sich der Sturz des Ferdinand Marcos vor. Ich war neu im Geschäft und fand alles ungeheuer spannend, hätte um Mitternacht Dienstschluss gehabt, blieb aber länger. Meine Anwesenheit war eigentlich überflüssig, verantwortlich war ja der Nachtredakteur, doch nun erlebte ich dramatische Meldungen mit und nahm Anteil. Um zwei Uhr dann empfahl ich mich.

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Es war viele Tage kalt gewesen, die Außenalster, dieser See der Stadt Hamburg, war zugefroren: zuverlässig zugefroren. Meine Wohnung lag genau auf der gegenüberliegenden Seite. Also stieg ich vom Ufer auf die Eisfläche und wanderte auf die Lichter der anderen Seite zu. Wie das war, weiß ich nicht mehr; ich weiß nur, dass ich es gemacht habe.

Zwei Jahre vorher hatte ich endlose Stunden auf einem Busbahnhof der tansanischen Hauptstadt Daressalam verbracht. Heiß war es; die vielen Biere, die ich mit meinem Gastgeber Myakami getrunken hatte, waren längst ausgeschwitzt. Der Bus nach Songea ließ acht Stunden auf sich warten, kam dann gegen zehn Uhr am Abend und rollte nach Westen, ins Landesinnere. Es gab viele Halts, um Tee zu trinken. Ich war der einzige Weiße und trug einen weißen Pullover. Ein groß gewachsener Tansanier wandte sich mir zu und kümmerte sich etwas um mich.

Irgendwann am frühen Morgen gab es einen Fahrerwechsel. Der neue Fahrer war ein Irrer. Er raste wie besessen, schrammte dann irgendwann mit dem Bus eine Felswand, und dann standen wir. Die Achse war verbogen, ein Reifen kaputt. »Mister«, sagte einer zu mir: »Let’s go.« Alle 30 Passagiere schnappten sich ihr Gepäck und schlugen sich gewissermaßen in die Büsche. Es ging durch die Savanne, an Hütten vorbei, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr und setzte mich. Aber ein Tansanier kam und munterte mich auf: Hey, los, wir müssen weiter! Wir erreichten ein Camp von Arbeitern und konnten auf der Ladefläche eines Lastwagens mitfahren, und da – ich weiß es noch ging über den entfernten Bäumen die Sonne auf. So erreichten wir Songea. Wir waren, sagte man uns später, 27 Kilometer gewandert.

Einmal hatten ein Freund und ich in München die letzte Bahn verpasst. Für ein Taxi waren wir zu geizig, also gingen wir die fast 30 Kilometer Richtung Westen, bis Eichenau. Und einmal bin ich mit meiner Mutter, die damals so alt war wie ich heute, am Lech entlang gewandert. Wir hatten vergessen, dass die nächste Brücke erst bei Muntraching folgte, und dann gingen wir am anderen Lechufer wieder zurück. Auch das waren um die 27 Kilometer. Ein Freiburger, den ich kenne, ist mit einem Esel über die Alpen gewandert, und Johann Gottfried Seume von Leipzig nach Syrakus, worüber er ein Buch geschrieben hat, das lesenswert ist.

Das schrieb ich in der Abgeschiedenheit des Spitalguts Pössing außerhalb von Landsberg am Lech, und als ich fertig war, ging ich noch einmal hinaus. Schnee war gefallen; der Himmel öffnete sich, und der Mond kam hervor. Weit kam ich nicht. Es blies ein garstiger Südwind, der einem fast die Tränen in die Augen trieb. Und nun … in das nächste Wäldchen, ein Loch ausheben, es mit Tannenzweigen füllen und sich hineinlegen in der Hoffnung, am nächsten Morgen auch wieder zu erwachen, steif gefroren … Ich Glücklicher durfte zurück in die warme Ferienwohnung, wo mich mein Bett erwartete.

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Nach dem Geburtstagsfest, zu dem ich angereist war, marschierte ich nachts um eins am Lech entlang, und oben am Himmel trieben graue Wolken vor einem kleinen Mond vorbei. Und am Ende ging ich denselben Weg, um in der Stadt etwas Indisches zu speisen und dann wieder im Schnee zurück: Und immer gedachte ich der genialen ersten Minuten des Films Biutiful von González Iñaritu, in dem Javier Bardem in einen wie erstarrten Winterwald eintritt und auf einen jungen Mann trifft, der ihm eine Zigarette anbietet. Sie rauchen gemeinsam, und Bardem fragt den anderen, wie der Wind im Wald klinge; der Jüngere macht es nach, und sie lachen, und wir werden später erfahren, dass der junge Mann Bardems Vater ist. Die Eröffnungssequenz sehen wir hier, und die Szene im Wald beginnt nach einer Minute.

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