Venedig bei Nacht

Peter Raffler hat mir drei wunderbare Bilder geschickt, die ich verwenden darf. Sie sind aus Chioggia, 23 Kilometer von Venedig entfernt, auch mit Kanälen, beschaulich, ein Traum. Doch: der Mythos Venedig! Die Bilder spornten mich an, in meiner Lyriksammlung zu suchen, ― und Folgendes habe ich gefunden.

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Peter Huchel, aufgewachsen in der Mark Brandenburg, im Exil gewesen in Staufen bis zu seinem Tod 1981 (es gibt für ihn und Erhart Kästner einen Museumsraum im Staufener Stubenhaus, an Sonntagnachmittagen geöffnet), schreibt in San Michele:

Die Nacht,
der dunkle Aderlaß,
verströmt ins Blei der Dächer.
Das ferne Venedig
ist keinen Fischfang wert,

San Michele ist ja die Friedhofsinsel, auf der auch der russische Lyriker Joseph Brody bestattet ist, der Venedig geliebt hat.

San MIchele, Grab einer jungen Frau

San Michele, Grab einer jungen Frau

Und Venedig im Regen von Huchel beginnt so:

Noch im Nebel
leuchtet das Gold des Löwen,
das steinerne Laubwerk tropft.
Namen, meergeboren,
wer schrieb sie ins salzige Licht?
Keiner nennt
die große Geduld der Pfähle.

 

Derek Walcott war auf seiner Italienreise in Venedig und schreibt in Teil XII seines Italien-Zyklus in White Egrets (2010) über

DSC_0356lurid Venice with its disc
dissolving in the Grand Canal when an inaudible
gunshot scatters the pigeons …

Dann tritt a Canaletto calm ein,

dusk rippling the water with accordion strokes,
from a god striking his trident? I hear the widening sound
ander the rattle of vaporettos past handiworks
of lace that, as you warp nearer turn into stone.

»Lurid Venice« wäre das gespenstische Venedig, in dem bei Walcott die Sonne untergeht und ein Schuss die Tauben zerstreut … dann kräuselt die Abenddämmerung das Wasser, ein Vaporetto fährt vorbei, vorbei an Spitzenwerk, das im Vorbeifahren zu Stein wird. Diese Gedichte sind wie eine Droge. Gerade kam mir ein Vers von Ernst Meister in den Sinn: Dann Rascheln / von Binsen, / wo Schwarz weht. Wie Musik ist das, man hat es immer wieder im Ohr.

Ezra Pound berichtet in Canto XXVI nur knapp:

And
I came her in my young youth
and lay there under the crocodile
By the column, looking East on the Friday,
And I said: Tomorrow I will lie on the South side
And the day after, south west.
And at night they sang in the gondolas
And in the barche with lanthorns;
The prows rose silver on silver,
taking light in the darkness. »Relaxetur!«

Er kam nach Veneddig, er war jung, er legte sich jeden Tag in eine andere Himmelsrichtung, und nachts sangen sie in den Gondeln und in den Schiffen mit ihren Laternen, und die Bugspriete erhoben sich silbern auf silbern, brachten Licht in die Dunkelheit. 

Chioggia bei Nacht, fotografiert von Peter Raffler. Da haben wir auch die Abendsonne, die hereinglüht

Chioggia bei Nacht, fotografiert von Peter Raffler. Da haben wir auch die (künstliche) Abendsonne, die im folgenden Gedicht hereinglüht: schön!

 

Conrad Ferdinand Meyers Gedicht Auf dem Canal Grande ist bekannt. Ohne Reim, aber: welche Eleganz.

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kleine, kurze Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

 

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