Geistesfrische durch Geisteskranke

Der österreichische Grafiker Alfred Kubin (1877-1959) war 1922 schon ein bekannter Mann, als er dafür plädierte, ständige Räume für die Prinzhorn-Sammlung mit Kunst von Psychiatriepatienten einzurichten. 80 Jahre später geschah das: in Heidelberg. Nun erinnert eine dortige Ausstellung an Kubins Interesse für die Kunst am Rand der Gesellschaft.

image003Ich habe schon sechs Mal über die Heidelberger Sammlung von Hans Prinzhorn (1886-1933) geschrieben, dessen Buch Bildnerei der Geisteskranken 1922 einflussreich war und kurz vor Kubins lobendem Aufsatz in der Zeitschrift Das Kunstblatt erschienen war.

Anfang September 2012 hatte ich (mit meiner Mutter) das Museum besucht, und der daraus entstandene Beitrag Elementarkräfte stellt die Geschichte der Sammlung gut dar, so kann ich darauf verweisen. Damals war manipogo gerade gestartet, ich jubelte über 100 feeds, ein Jahr darauf über 1187, in meinem bislang letzten Prinzhorn-Beitrag vor zwei Jahren über 13.000, und nun sind es … 93.000!

Alfred Kubin hatte 1909 mit Wassilj Kandinsky, Gabriele Münter und anderen die Neue Künstlervereinigung München gegründet, aus der die Redaktion des Blauen Reiters hervorging. In der Nazizeit wurden viele seiner Werke als »entartet« klassifiziert, aber ein Ausstellungsverbot erhielt er nicht.

Nach seinem Besuch in Heidelberg 1920 wünschte er sich einen Sitz für die Sammlung. Dann könne »von dieser Stätte, wo gesammelt wurde, was Geisteskranke schufen, Geistesfrische ausströmen«. Das — Geistesfrische — ist der Titel der Ausstellung im Universitätsklinikum Heidelberg, Klinik für Allgemeine Psychiatrie, Voßstraße 2 (der Sitz, den sich Kubin gewünscht hatte).

48 Mpr1563 floating womenAlfred Kubin beschrieb in seinem Aufsatz 1922 einige Werke, nannte aber keine Namen. Man begriff aber,  welche er meinte, und so zeigt die Ausstelllung rund 100 Bilder, geht jedoch über Kubin hinaus und stellt ganze Oeuvres vor. Der Österreicher hielt am meisten von Franz Karl Bühler, einem Schlosser, der in der Anstalt Emmendingen einsaß (damals saß man da das ganze Leben). Ihn nannte er einen »Meister ersten Ranges« und verglich ihn mit Van Gogh.

Die kleinen Gemälde von Oskar Herzberg erinnerten ihn an Paul Klee. Herzbergs Bild Zusammenstöße von Weltkörpern glich Kubins früherem Bild Drohender Zusammenstoß, das er folgerichtig der Sammlung neben anderen Blättern schenkte, um dafür einige Bühler-Werke zu erhalten. Die Ausstellung Geistesfrische stellt die beiden Zusammenstoß-Gemälde einander gegenüber. Hochinteressant.  (Illustration: ein Bild von Ovartaci, was Ober-Idiot heißt und wie sich Louis Marcussen nannte, der 56 Jahre in der Psychiatrie verbrachte und 91-jährig 1985 starb. Die Prinzhorn-Sammlung hatte 2013 eine Ausstellung über ihn.)

Bis 30. Juli kann man die Bilder bewundern. Geöffnet ist das Museum von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, am Mittwoch bis 20 Uhr.

 

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