Derek Walcott

Derek Walcott, der große Poet der Karibik, ist mit 87 Jahren gestorben. Ich habe ihn gern zitiert, vorwiegend aus seinem Band White Egrets (2010), der mir immer noch unerschöpflich ist. Nun will ich ihm danken und ihm etwas nachrufen, darum ein Nachruf auf manipogo.

Walcott war auch ein großer Liebender, obwohl er einräumte, er habe seine Frauen schlecht behandelt, und eine habe er sogar durch seine unsinnige Eifersucht ins Grab gebracht. Er war ein karibischer Mann, immer unter Druck, seine Männlichkeit zu beweisen; seine Poesie war aber auch ein einziger Liebesbeweis, gerichtet an das Leben. (Die Karibik-Bilder sind von Jürgen Kuntke, den ich nicht erreichen konnte; ich glaube aber, dass er nichts dagegen hat, diesen Beitrag zu illustrieren.)

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Der eigene Tod ist nicht vorstellbar.

It’s what others do, not us, die, even the closest
on a vainglorious, glorious morning, as the song goes,
the yellow or golden palms glorious and all the rest
a sparkling splendor, die. (…) Love
lies underneath it all though, the more surprising
the death, the deeper the love, the tougher the life.
The pain is over, feathers close your eyelids, Oliver.
What a happy friend and what a fine wife!
Your death is like our friendship beginning over.

Das hat er Oliver Jackman gewidmet, der starb, aber, so schreibt Walcott, sterben tun nur die anderen, aber Liebe liegt allem zugrunde, der Schmerz verging … »Dein Tod ist so, als finge unsere Freundschaft neu an.« Viele seiner Freunde waren gestorben, Walcott fühlte sich allein.

 Quick, quick, before they all die …
I must clear the house of my head, I must make room
for a shrine before they all die, with fireflies and starlight.

Ja, einen Schrein erstellen für die, die sterben werden, einen Schrein mit Leuchtkäfern und Sternenlicht.

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Aber dann, die Mädchen, die ewige Lockung … aber sie laufen ja immer nur vorbei, die Qual nimmt kein Ende. Schwatzende Mädchen, die frühreifen Sirenen, und eine bleibt auf Capri stehen an einer Tür, Proserpina (die Totengöttin) am Eingang zum Frühling, und in Amsterdam gleiten Mädchen auf Rädern vorüber.

By the open-air table where I sat alone
a flock of chattering girls passed, premature sirens
fleeing like pipers from the sudden thought of a stone.

Capri:

… and the women, the women! Hard to
see them as that only, that one, for instance,
paused at a shop door in shades, at a glance,
just a tanned girl or Proserpine at spring’s portal.

In Amsterdam, wo er an seine Mutter denkt, Alix Marlin, eine junge Witwe:

I feel something ending here and something begun,
the light strong leaves, the water muttering in ‘Dutch,
the girls going by on bicycles in the sun.

Und überhaupt, all hallowed, alles heilig:

… flute-thin Paola, Christina, Patricia,
Vanni, with their own books now; but if there is a form
my muse would take, don’t let this hurt her – it is
storm-haired, full-lipped, with axe-blade cheeks: Roberta.

Wie sie, wie Roberta, sturmhaarig und volllippig, sollte die Muse von Derek Walcott aussehen, und so ist das mit Lyrikern (zu denen ich auch gehöre): Sie müssen immer von sich sprechen und grübeln herum, und der Dichter der Karibik redete sich gut zu:

Be happy now at Cap, for the simplest joys ―
… let the torn poems sail from you like a flock
of white egrets in a long last sigh of release.

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Der letzte Seufzer der Befreiung. Dann war er da. Und für mich bleibt die Hoffnung, es zu erreichen, dass meine manipogo-Prosa manchmal nach einem Regenguss riecht, der aus den Hügeln Jamaikas auf heißen Asphalt fällt, in Walcotts Vorstellung. Dass sie

has the sudden smell of a gusts of slanted rain
on scorching asphalt from the hazed hills of Jamaica.  

Weitere Beiträge mit Gedichtauszügen von Derek Walcott:
Happier than any man; Flugverkehr (36): Reiher; Flugverkehr (49): ausgestopfte Vögel; Flugverkehr (64): der Kormoran und anderes Gefieder; Venedig bei Nacht.

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