Barbarische Tage

Wasser ist das Thema von Heft 32 der Kritischen Ausgabe, Bonn. Ein elegantes Heft. Wanderjahre des Wellenreiters hat mich gleich gepackt. Miriam Petersen schreibt über William Finnegan und seine Autobiografie Barbarian Days – A Surfing Life. Es geht also ums Surfen, um die richtige Welle, den genialen Schwung.

Die Überschrift klingt etwas altbacken und hat nicht den Geist des Surfens. Dann wird das Buch auch noch als moderner Bildungsroman und sein Autor als junger Mann als Taugenichts bezeichnet, aber in der Germanistik will man vielleicht diese Links zu Goethe und Eichendorff lesen.

Finnegan ist 1952 geboren, also fünf Jahre älter als ich, und mit 65 kann man schon mal seine Autobiografie schreiben. Mitte der 1980-er Jahre, als er Staff writer beim New Yorker wurde, war er also 33 (und nicht 40, wie Frau Petersen meint). Seine Eltern waren begütert und ließen ihn in Ruhe, er wurde ein hervorragender politischer Journalist, ohne seine Liebe zum Surfen zu vernachlässigen.

Surfer in Montecito, Kalifornien. Foto von Carol M. Highsmith, geb. 1946. Dank an Library of Congress, Washington D. C:

Surfer in Montecito, Kalifornien. Foto von Carol M. Highsmith, geb. 1946. Dank an Library of Congress, Washington D. C:

Zitieren wir eine Passage aus dem Artikel, in dem die Autorin den Geist dieser typisch amerikanischen Sportart treffend einfängt. Surfin‘ USA sangen die Beach Boys, und von sowas haben wir auch immer geträumt. Aber es steckt mehr dahinter als ein lässiges Leben am Strand, wartend auf eine hübsche Welle.

»Surfing«, so lernen wir, »is essentially a religious practice.« Finnegans Lesart des Surfens ist auf unaufgeregte Weise spirituell und verweigert sich jedem materialistischen Denken. Er und Di Salvatore führen ein besitzloses, zölibatäres Dasein, in dessen Zentrum der Gottesdienst auf dem Meer steht. Wellengröße, Tiden, Strömungen, Riffstruktur: Wie eine heilige Schrift lesen und interpretieren sie die Oberfläche des Wassers. Um dem Orden der Wellenreiter anzugehören, erkärt uns Finnegan an anderer Stelle, braucht es eine lange Novizenzeit, die viel Hingabe und Disziplin erfordert. »It takes years to master the rudiments of surfing and constant practice to maintain even basic competences.« Und ähnlich wie bei einer Religion ist die spirituelle Verzückung für Nichteingeweihte nur schwer vorstellbar.

Dann kommt der Meister selbst zu Wort:

Being out in big surf is dreamlike. Terror and ecstasy ebb and flow around the edges of things, each threatening to overwhelm the dreamer. An unearthy beauty saturates an enormous arena of moving water, latent violence, too-real explosions, and sky. Scenes feel mythic even as they unfold. I always feel a ferocious ambivalence: I want to be nowhere else, I want to be anywhere else. I want to drift and gaze, drinking it in. Big surf is a force that dwarfs you.

Surfer an der kalifornischen Küste. Ebenfalls von Carol M. Highsmith, 2013. Library of Congress, Wash. D. C:

Surfer an der kalifornischen Küste. Ebenfalls von Carol M. Highsmith, 2013. Library of Congress, Wash. D. C:

»Big surf« ist eine Kraft, die macht, dass du dir klein vorkommst. Da schreibt jemand, der seine Sprache beherrscht und seine Emotionen auszudrücken vermag. Miriam Petersen, geboren 1985, »ist selber begeisterte Surferin und kehrte dieses Jahr von einem Surftrip um die Welt zurück«, heißt es im Abspann. Sie weiß, worum es geht und lobt The Barbarian Days als »spannende Einfühjrung in eine Geheimwissenschaft für interessierte Laien«, als »Manifest einer hoch-kontextuellen Subkultur« und autobiografischen Bildungsroman über einen modernen Lebensentwurf.

A force that dwarfs you. Du bist klein vor dem Göttlichen. Surfen ist eine Art Mystik, denke ich mir. Du wartest auf eine Welle, du willst sie reiten, wie nie eine Welle geritten worden ist, du vergisst dich selbst und gibst dich vertrauensvoll anheim, es wird auch vorbei sein, aber vielleicht hast du das Göttliche gespürt. Die christlichen Mystiker fanden ihre eigene Sprache, aber den Kern ihres Erlebnisses konnten sie nie ausdrücken. Das bleibt in dir und verwandelt dich.

In unserer Zeit ist Sprechen über Rockmusik oder das Surfen zu einer Ethnografie geworden. Es soll nichts geben, was nicht verstehbar wäre. Da es kaum mehr ursprüngliche Kulturen gibt, wendet sich der Ethnologe Subgruppen seiner Zivilisation zu. Da gibt es noch einiges zu klären, doch ein unerklärter und unerklärbarer Rest wird bleiben.

(Kritische Ausgabe, Zeitschrift für Literatur im Dialog. 32 Wasser. Bonn 2017. ISSN 1617-1357. 9 Euro. www.kritische-ausgabe.de)

 

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