Jüdischer Friedhof Marrakesch

Der Monat November gehört den Toten. Mein Schwertpunktthema! Elias Canetti (1905-1994) war Literaturnobelpreisträger 1981 und lebte zuletzt in Zürch. In seinem Buch  Die Stimmen von Marrakesch über eine Reise nach Marokko 1954 erzählt er von seinem Besuch auf dem israelitischen Friedhof dort.

DSCN3280Der jüdische Friedhof von Sulzburg, vier Kilometer von der manipogo-Basisstation, ist ein Ruheplatz, ein Kleinod; er ist nicht zu sehr gepflegt und verströmt die Würde des Todes. Jüdische Friedhöfe darf man als Mann nur mit einer Kopfbedeckung aufsuchen. Am Sabbat sind sie tabu. Und hinterher sollte man sich die Hände waschen (das war mir neu).

Friedhöfe sind wie ihre kulturelle Umgebung: schön gestaltet im Westen, vernachlässigt im Orient. Das denke ich mir, nachdem ich Canettis Bericht gelesen hatte. Denn seine Schilderung erinnerte mich an einen algerischen Friedhof, den ich 1978 fotografiert hatte. Ich lerne ja seit Anfang des Jahres Neuhebräisch und bemerke auch, wie verwandt die Sprache dem Arabischen ist. Kein Wunder, es ist dieselbe Lebenszone.

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Ein junger Mann sagt zu Canetti le cimetière israélite, und er schlüpft durchs Tor.

Ich fand mich auf einem ungeheuer kahlen Platz, wo nicht ein Halm wuchs. Die Grabsteine waren so nieder, dass man sie fast übersah; im Gehen stieß man daran wie an gewöhnliche Steine. Der Friedhof sah wie ein riesiger Schutthaufen aus; vielleicht war er es gewesen und man hatte ihn erst später seiner ernsteren Bestimmung zugeführt. Nichts auf dem Platze erhob sich in die Höhe. Die Steine, die man sah, und die Knochen, die man sich dachte, alle lagen. Es war nicht angenehm, hier aufrecht zu gehen, man konnte sich gar nichts darauf einbilden und kam sich nur lächerlich vor.  

DSCN4862Ich habe in vielen Städten die Friedhöfe besucht, und meine Mutter, oft meine Reisebegleiterin, musste wohl oder übel mit, und ihr gefiel es auch. Bei Tod am Tiber spielt auch eine wichtige Szene auf dem Campo verano, dem riesigen Friedhof Roms. Nun stellt Elias Canetti einen Vergleich an:

 

Die Friedhöfe in anderen Teilen der Erde sind so eingerichtet, dass sie den Lebenden Freude gewähren. Es lebt viel auf ihnen, Pflanzen und Vögel, und der Besucher, als einziger Mensch unter so vielen Toten, fühlt sich davon aufgemuntert und gestärkt. Sein eigener Zustand erscheint ihm beneidenswert. Auf den Grabsteinen liest er die Namen von Leuten; jeden einzelnen von ihnen hat er überlebt. Ohne dass er es sich gesteht, ist ihm ein wenig so zumute, als hätte er jeden von ihnen im Zweikampf besiegt. Er ist auch traurig, gewiss, über so viele, die nicht mehr sind, aber dafür ist er selber unüberwindlich. Wo sonst kann er sich so vorkommen? Auf welchem Schlachtfeld der Welt bleibt er als einziger übrig? Aufrecht steht er mitten unter ihnen, die alle liegen. Aber auch die Bäume und die Grabsteine stehen aufrecht. Sie sind hier gepflanzt und aufgestellt und umgeben ihn als eine Art von Hinterlassenschaft, die dazu da ist, ihm zu gefallen.

So ist das. Seltsam muten einen die riesigen Grabplätze an, die Mausoleen, die verschwenderisch gestalteten Denkmäler. Das alles für kleine Menschen, deren Asche in ein Töpflein passt? (Das denke ich mir auch, wenn ich alte Leute in riesigen Limousinen herumfahren sehe.) Dafür Marrakesch …

Auf diesem wüsten Friedhof der Juden aber ist nichts. Er ist die Wahrheit selbst, die Mondlandschaft des Todes. Es ist dem Betrachter herzlich gleichgültig, wer wo liegt. Er bückt sich nicht und sucht es nicht zu enträtseln. Sie sind alle da wie Schutt und man möchte rasch wie ein Schakal darüber weghuschen. Es ist die Wüste aus Toten, auf der nichts mehr wächst, die letzte, die allerletzte Wüste.

Die Wahrheit selbst. Da hilft kein Beschönigen, da hilft kein Monument. Wir sind nach dem Tod, das was wir gelebt haben, und eine imposante Grabstätte ist nichts. Sie ist ein großes Missverständnis und zeigt, dass wir über den Tod hinaus nicht denken können.

(Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch, Fischer Frankfurt 1992, S. 53/54)

 

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