Trainingsunfälle

Am Abend des Tages, an dem ich in Richtung Karlsruhe fuhr, sind zwei junge Menschen gestorben, an deren Schicksal ich Anteil genommen hatte. Wie die Presse schrieb, wurde in Cesena an der Adria  am Montag, 22. Mai um 19.09 Uhr Nicky Haiden für tot erklärt, um 19.21 Uhr dann Julia Viellehner.

DSCN0286Beide hatten auf der Intensivstation der Klink Bufalini gelegen. Am 15. Mai hatte ein Lastwagen Julia Viellehner, die 31-jährige bayerische Läuferin und Triathletin, auf einem Pass erfasst; zwei Tage später rammte ein Fahrzeug Nicky Haiden, einen bekannten US-Rennsportler, und schleuderte ihn zu Boden. Beide waren auf dem Rennrad unterwegs, beide in der Nähe von Rimini, und der Zustand von beiden war von Anfang an hoffnungslos. Denken wir noch an den Radprofi Michele Scarponi, den ein Autofahrer Anfang Mai übersehen hatte. Er war auch jung, 37 Jahre alt. (Links: die Gedenkstätte für Marco Pantani auf dem Friedhof Cesenatico bei Cesena). Das nennt die Presse dann Trainingsunfall oder Fahrradunfall. Es ist aber die brachiale Gewalt des Motors, die Aggressivität und Achtlosigkeit im Straßenverkehr, die unsere zwei Kollegen und die Kollegin getötet hat. Die Medizin tut alles, damit die Leute immer älter werden und gesund alt werden, und immer häufiger hört man, wen einer mit 73 oder 75 Jahren stirbt, eigentlich sei das zu früh gewesen. Zehn Jahre waren immer noch drin.

Und, wie absurd, dann steigst du aufs Rad, passt nicht auf und bist tot. Machst einen dummen Schritt auf die Straße und bist tot. Oder (häufiger) ein anderer passt nicht auf. Dann bist du vielleicht auch tot. Der Lastwagenfahrer, der Julia niederfuhr, die einen München-Marathon in der Zeit von 2:40 Stunden gewonnen hatte, überholte die drei Rennradler riskant am Pass, dann kam anscheinend ein Auto entgegen, er zog sein tonnenschweres Fahrzeug, einen Iveco Stralis, nach rechts und erwischte die Rennradlerin, die noch ein paar Meter mitgeschleift wurde. Lastwagenfahrer bewegen ihre Ungetüme manchmal, als seien es Sportwagen.

Südfrankreich, Februar 2013

Südfrankreich, Februar 2013

Nicky Haiden übersah vielleicht ein Stopschild. Auch er fuhr zum Training mit anderen. Jedenfalls verfolgte mich der Lastwagenunfall tagelang, und dann hieß es in der italienischen Presse auch noch, man habe der Sportlerin beide Beine amputiert, was ihr Lebensgefährte, Zeuge des Unfalls, dementierte; woher diese Information kam, wusste man nicht, aber das war wohl eine Art narrativer Verdichtung, die alles noch tragischer und völlig ausweglos machte. Ein Horror. Na ja, die Verletzungen waren wohl, dessen ungeachtet, fürchterlich genug, so dass sie nicht zu retten war.

Erst am Samstag las ich in dem Smartphone meiner schwedischen Nachbarin nach und war fast erleichtert, dass Julia Viellehner gestorben war. Danach fühlte ich mich befreit und tanzte ausgelassen. Auch für Nicky Haiden war dieser Ausgang wohl besser, statt jahrelang im Koma zu liegen. Denn dann schwebt die Seele im Limbo, in einem Zwischenzustand. Sie ist nicht richtig hier und auch nicht dort.

Nein, dahin an die Adria fahre ich nicht mehr. Und nach Italien will ich auch nicht ziehen. Es ist zu gefährlich dort. Vielleicht Otranto, weit unten. Heute (da ich das schreibe) kam in Heitersheim von rechts ein Notarztwagen mit Sirene, nicht zu überhören; ein kleines Auto wollte, vom Rewe kommend, einbiegen … und tat es dann auch, völlig idiotisch war das, und knapp wurde eine Karambolage vermieden. Sind diese Leute völlig umnachtet? Der Fahrer musste es doch gehört haben, es kam von rechts, und dann fährt er rein!? Zu viele Autos überall, zuviele Blindgänger, wie mein Vater gesagt hätte, es ist einfach zum Kotzen.

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