Manja Klein

Ist es indiskret, darüber zu schreiben? Aber Stefan Klein hat in seinem Buch Die Reisen nach Jerusalem (dtv, München, 1998) selber über den Tod seiner Frau vor 20 Jahren geschrieben (das Buch stand irgendwo in einer Stadt in einem Regal), und ich erinnerte mich ihrer. Es ist ja schon lange her. Gerade hängte ich ein Bild mit naiv gestalteten Tieren an eine Wand meiner Wohnung. Damals hatten wir es auf einem Markt in Nairobi erworben, mag es an sie, an Manja, erinnern.Ich war hopplahopp nach Nairobi geflogen, hatte am Flughafen die Tochter des dortigen ZDF-Korrespondenten kennengelernt, die mit ihren beiden entzückenden Kindern unterwegs zu ihrem Vater (und deren Großvater) war. Sie lud mich ein, etwas zu bleiben. Der ZDF-Korrespondent kannte natürlich den Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung in Nairobi gut, Stefan Klein (damals 34 Jahre alt, ich 27), der ein paar Jahre zuvor in meiner Klasse der Deutschen Journalistenschule auch Referent gewesen war; er unterrichtete Reportage, und er schrieb auch großartige Reportagen.

Die Tiere sind auf braunes Tuch aufgemalt

Die Erwerbung vom Markt in Nairobi 1984, Februar. Die Tiere sind auf braunes Tuch aufgemalt

So holte er uns einmal ab, wir verbrachten den Tag bei Kleins, spielten Federball, besuchten den Markt, aßen zu Abend und wurden wieder heimgebracht. Manja hieß Stefan Kleins Frau, eine wunderbare Fotografin und eine anziehende, natürliche Frau. Wir fühlten uns wohl. Aber viel habe ich nicht mehr in Erinnerung. Eine Tochter gab es. Das Haus war schön. Hinterher reiste ich nach Daressalam. (Ich sollte darüber einmal einen Beitrag machen mit meinen Schwarz-Weiß-Fotos.)

Ich weiß nicht, warum ich immerzu dachte, Manja Klein wäre aus Finnland. Sie hatte jüdische Eltern, war in Israel geboren, und ihr Mann schildert in dem Buch Die Reisen nach Jerusalem die Familiengeschichte. Er wurde dann Korrespondent in Singapur, und er beschreibt, wie Manja an Brustkrebs erkrankte, lange voll Hoffnung war, doch wie dann in Singapur ihr Leben endete. Manja kommt nach Hause, um zu sterben, schrieb er. Ihr Atem hört sich an, als käme er aus einem tiefen, mit Wasser gefüllten Schacht. Die Ärztin kam. Es war der 21. August 1997.

Ich halte Manjas rechte Hand, als plötzlich ihr Atem aussetzt. Er kommt wieder. Er setzt abermals aus. Die Pause ist länger. Er kommt erneut zurück, und diesmal ist es das letzte Mal.

Dann der Weg zum Krematorium. Termin ist 11.30 Uhr. Die Freundin lenkt den Wagen in die Irre, Auto fahren in Singapur ist hart. Absurd, weil anscheinend die Kleins im Ruf standen, immer zu spät zu kommen. Doch heute, das schwöre ich Dir, Manja, heute wollte ich wirklich nicht zu spät kommen. 51 Rosen hat er mitgebracht, für jedes Jahr eine. Die fünf Reisenden, in Panik, quetschen sich in ein Taxi. Um 11.45 Uhr kommen sie an. Wie sich zeigt, hat Manja geduldig auf uns gewartet. Und wer weiß, vielleicht hat sie sogar gelächelt dabei. 

Die Urne mit den Überresten wird am nächsten Tag von einem Wagen geliefert. Die Asche wird umgefüllt: in einen Tonkrug aus Vietnam. Manja soll neben ihrem Vater in Givat Chaim in Jerusalem ruhen. Der Tonkrug reist als Handgepäck in einer Plastiktüte mit. »Was soll’n da drin sein?«, fragt der Kontrollbeamte … »Asche«, sage ich.  

Es ist ein heißer Tag. Der Weg vom Kulturhaus zum Friedhof ist steinig und sandig. Er führt zwischen Apfelsinen- und Zitronenplantagen hindurch. Es geht alles sehr schnell. Die Kiste wird in die Grube gelassen, und dann verschwindet sie in Windeseile unter dem Sand, der von drei Männern zurückgeschaufelt wird. Am Ende entsteht ein kleiner Hügel, und auf den Hügel legen wir unsere Blumen. … Nun liegen sie nebeneinander: Vater und Tochter. 

Passt irgendwie zum letzten Beitrag, zu Gesine Cresspahl, in New York lebend, und ihrem Vater Hinrich in Mecklenburg. 30 Jahre früher spielen sie, die Jahrestage von Uwe Johnson, mit vielen Rückblenden (wie in Stefan Kleins Buch).

 

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