Atmosphäre

Der einzige Zeuge ― ich wollte eigentlich über die Zeugenschaft schreiben und über  die Hegemonie totalitärer Gewalt, die Fremde ausgrenzt und zu rituellen Opfern macht, wie Carlo Levi das erläutert hat. Doch dann stieß ich auf die Tanzszene in dem Film Witness von 1986, und Erinnerungen wurden wach …

Es waren Erinnerungen an Hamburg und meine Jahre 1986 bis 1990. Sie haben eine bestimmte Färbung wie auch mein Roman Tod am Tiber sie hat. Zu beschreiben ist sie mit Videoclips und mit Musik, weniger gut mit Worten. Dennoch muss, so finde ich, ein Roman eine Atmosphäre entstehen lassen; das ist wichtiger als eine hektische oder stimmige Handlung. Die Atmosphäre ist irgendwie der Geist, der über einer Szene schwebt und ein Ensemble von Emotionen, in die die Handlung eingebettet ist.

Gefangen in Atmosphäre. IN einer Licht-AUsstellung in Offenbach (2010)

Gefangen in Atmosphäre. In einer Licht-AUsstellung in Offenbach (2010)

Ein Rezept gibt es dafür nicht. Man schreibt und versucht, den Leser in eine Stimmung zu versetzen. Anne Skjönsberg schrieb einmal, mit Atmosphäre sei das Wirken Gottes am besten beschrieben. Man kann sich nicht entziehen, man wird hineingetaucht.

Aus jenen Jahren ist die Tanzszene aus Witness (Der einzige Zeuge), die damals berühmt wurde; diese verhaltene Erotik, und wie in die Augen von Harrison Ford Übermut und Lüsternheit tritt, wonach er seine Partnerin zum Tanz verführt … da steckt alles drin. Auch Himmel über der Wüste von Bernardo Bertolucci (The Sheltering Sky) war ein Film aus jenen Jahren (beide habe ich mit einer Frau gesehen, in die ich verliebt war, aber es ging schief, wie meistens, aber wichtig ist das nun nicht mehr).

Doch wenn ich diese Jahre in einen Song verdichten möchte, wäre es Lessons in Love von Level 42. Das Video von 1991 zeigt die ganze überdrehte und artifizielle Stimmung aus dem Ende der 1980er-Jahre, und wer weiterhört, sieht noch Everybody Wants to Rule the World sowie Shout, beides auch Hits aus jener Epoche. Aber wenn ich Lessons in Love höre, fühle ich mich zurückversetzt nach Hamburg … das Fest der Plattenfirma auf dem Schiff, wo ich herumlief und mit niemandem sprach, die ganze Hilflosigkeit und das Engpassgefühl, das mich beherrschte. Die Lessons in Love habe ich damals nicht gelernt.

Vielen dürfte es so gehen: Man hört einen Song aus der Vergangenheit und wird dorthin gespült, so sehr ist in der Musik das mitgespeichert, was uns damals bewegte. Das hat ungeheure Kraft.

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