Alltagsbegleiter

Fast hätte ich’s vergessen: Ich habe eine Berufsausbildung beendet. In viereinhalb Monaten wurde ich in Freiburg zum Alltagsbegleiter oder Seniorenassistent nach § 43 b. Alltagsbegleiter ist natürlich nicht so ganz treffend; ein Chorbegleiter begleitet einen Chor, ein Damenbegleiter eine Dame, ich aber nicht den Alltag. Andererseits begleitet ein Reisebegleiter nicht eine Reise, sondern auf einer Reise. Okayokay.

Ich zitiere den Österreicher Heimito von Doderer, der in seinen Tagebüchern 1940-1950 schrieb: »Alle diese Deutschen sind schrecklich … Dieses Volk ist unansprechbar, weil die Entwertung der Sprache ganz offenbar zu seinen Eigentümlichkeiten gehört.« Mittels der Sprache bauen sie sich ihre eigene Welt. Und plötzlich wurde mir klar, dass auch das Eindringen der Anglizismen zum Projekt Verschönerung der Welt mittels Sprache gehört.

Natürlich kann man es so machen: Mit Strenge neue Sprachregelungen einführen in der Hoffnung, dass dadurch sich das Bewusstsein verändert. Anders herum wäre es besser; Kirshnamurti. Wer richtig (also mit Herz) denkt, spricht auch so. Nun aber erleben wir seit vielen Jahren von höheren Orten verordnete Sprachkosmetik, die das Unschöne verhüllen soll, aber Zonen der Lüge entstehen lässt, Schattenbereiche.

In der Altenarbeit erlebt man das. Was man den Alten umhängt, ist kein Latz, sondern ein Kleiderschutz.  Ich habe mich manchmal versprochen, gleich zischte eine Kollegin mir zu: »Kleiderschutz! Das sind ja keine Kinder.« Man füttert auch nicht, sondern man reicht ihnen Essen an. Sind ja keine Kinder. Das will man klarmachen. Kürzlich meinte eine Kollegin, man spreche nicht mehr von einer Weglauftendenz; das heiße nun Hinlauftendenz. Er will vom Heim weg, aber wo will er hin? Wer folgsam ist, verwendet die richtigen Worte, ist aber nicht davor gefeit, die Alten wie die Kinder zu behandeln.

Freilich könnte man durch ein bewusste Sprache Veränderungen im Denken herbeiführen. Es ist aber fraglich, ob das klappt. Es bleibt oberflächlich. Bei Sigmund Freud wurden nicht alle Patienten geheilt. Auch manche, die um ihr Trauma wussten, litten darunter. Denn das Trauma steckt nicht nur im Kopf, es steckt im ganzen Körper. Der Magier kann mit dem richtigen Zauberwort nur heilen, weil er daran glaubt und es mit Inbrunst und innerhalb eines Rituals ausspricht. Die »richtigen« Worte bleiben Geklapper, wenn sie nicht von der dazu passenden Einstellung begleitet sind. Manche Heilmethoden lösen körperliche Blockaden auf und wollen den Geist mittels Körperarbeit verändern helfen. Wenn es nur dabei bleibt, verändert sich nichts. Das Herz muss mitmachen. Alles andere ist nur Instrument.

Kurios, dass die Mitarbeiter, die heute ja Mitarbeitende heißen müssen, das verinnerlichen. Sie folgen dem brav. Der Kleiderschutz ändert nichts daran, dass die Alten eben nicht mehr richtig essen können und einen Latz brauchen; man füttert sie, ja, auch wenn man ihnen Essen anreicht. Diese Regelungen werden auf diktatorische Art beschlossen und auch umgesetzt. Alle haben Angst. Mach keinen Fehler! Darf man Flüchtling sagen, darf man Neger sagen oder wie? Menschen mit Migrationshintergrund sagt man. So schwierig wird das. Minenfeld. Do wiar i jo narrisch.

Es fing mit dem Entsorgungspark an und mit der Kernforschung. Auch in den Konzernen weiß man, was man wie sagt, und die Mitarbeiter sind dahingehend geschult. Die Fußballer wissen auch schon, was man sagt und was man nicht sagt. Plötzlich überwachen wir uns gegenseitig und freuen uns, wenn wir den anderen ertappen, wenn er ein politisch unkorrektes Wort gesagt hat. Political correctness zerfrisst allmählich alles. Die Leute haben die Schere im Kopf und zensieren sich schon, bevor sie etwas aussprechen.

Natürlich ist das völlig harmlos im Vergleich zu den Diktaturen. Da muss man wirklich achtgeben beim Sich-Äußern, sonst kommt die Geheimpolizei vorbei. Vor 200 Jahren gab’s noch überall in deutschen Fürstentümern die Zensur; der oberste Herr wollte wissen, was in Briefen stand und was veröffentlicht wurde. Bei den Nazis war der Sprachfaschismus besonders schlimm. Das Volk kontrollierte sich gegenseitig. Wer nicht richtig sprach, war kein echter Nazi, war eine latente Gefahr, die fünfte Kolonne. In Osteuropa später, hinter dem Eisernen Vorhang, wurden Autoren richtig kreativ, um Kritik zu äußern. In der DDR lief man auch stets Gefahr, verhaftet zu werden. Wir haben zum Glück Meinungsfreiheit. Doch die hat ihre eigenen Regeln, wenn man für einen Arbeitgeber tätig ist.

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