Fremdsein

Immer wieder blättere ich in dem Buch Gnosis von Hans Jonas herum. Es gibt bei mir ein paar Gedanken über das Fremde, die zusammengeführt werden wollen. Die Gnostiker, beheimatet im Orient in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, hielten sich für fremd in dieser Welt.

Die Gnostiker waren Dualisten. Jonas schreibt:

Die Gottheit ist absolut außerweltlich, ihr Wesen ist dem des Universums fremd, das sie weder geschaffen hat noch regiert und zu dem sie die vollkommene Antithese bildet: dem in sich geschlossenen und fernen göttlichen Reich des Lichts steht der Kosmos als Reich der Finsternis gegenüber. … Das Universum, die Domäne der Archonten, gleicht einem riesigen Gefängnis, dessen innerstes Verlies die Erde darstellt, der Schauplatz des menschlichen Lebens.

Untergeschoß einer alten Kirche in Tuscania nördlich von Rom

Untergeschoß einer alten Kirche in Tuscania nördlich von Rom

Der Mensch wird allmählich heimisch und vergisst sich, verlernt seine Fremdheit. Schwierig wird es durch die Gestalt eines Erlösers, den die Gnosis auch kennt. Er kommt von fern her, ist ein fremder Mann, ist aber in gewissem Sinn mit dem identisch, den er erlösen soll: Der Anteil, der sich der Welt anheimgegeben hat, muss gerettet und ins Lichtreich gebracht werden. Jesus Christus war der Fremde per se: Er ist nicht gezeugt, von seiner Jugendzeit weiß man nichts, er schneite so in die Welt herein. Dieser Fremde zeigte uns, wie man leben könnte, wenn man das Gesetz in sich hätte und keine Trennungen mehr kennte.

DSCN4026Carlo Levi schreibt in Paura della libertà, dass jede Religion Opfer verlangt. Opfer heißt auf Lateinisch sacrificium, und darin steckt sacro, das Heilige. Das Heilige oder der Gott muss zerstört werden, sagt Levi, damit der Mensch leben kann. Religion und Staat brauchen Opfer. Der Fremde war immer heilig, man musste ihn aufnehmen; doch andere wurden zu Fremden erklärt, zu Aussätzigen, wurden gefoltert und ermordet, weil der Staat Feinde braucht und Blutopfer, und je sinnloser, desto besser.

Der Mensch fürchtet, seit er auf der Welt ist, das Amorphe, das Ungestalte, den dunklen Dschungel. Er verlässt den Dschungel, benennt die Dinge und betet Idole an, ― doch er muss sie wieder zerstören, damit sie ihre Kraft behalten, und neue Wesen zum Gott erheben. (Auch die Stars und die Helden müssen fallen; man verfolgt sie, bis sie eine Schwäche zeigen.) Julian Jaynes will 1959 ein Grab am See Genesaret entdeckt haben, das auf das Jahr 9000 vor Christus zurückgeht. Der tote König, als Skelett vorhanden, sei der erste Gott gewesen und gebe womöglich immer noch Befehle aus, die sein Volk auffange. »Ist der König tot, wird er zum lebendigen Geist«, schloss Jaynes. Religionsgründer entfalten erst nach dem Hinübergang ihre Kraft, die sie zurücklassen.

»Wenn das Unförmige sich über einen großen Teil der Seele erstreckt, wenn die heilige Furcht auf den Herzen liegt, erkennen wir die Kraft des staatlichen Idols an den Opfern, das es hervorruft und an der Art seiner Brandopfer.« Das Wort Brandopfer heißt bei Levi olocausti, und er schrieb das 1939, als er noch nichts über den damals bereits geplanten Mord an den Juden wissen konnte, der uns alles über die schreckliche Kraft des staatlichen Nazi-Idols sagte.

Fremd fühlte sich der gnostische Mensch (oder: das Leben) gegenüber oder in dieser Welt. Die Existenz eines Jenseits, einer Transzendenz, »nimmt der Welt ihren Totalitätsanspruch«, schreibt Jonas und fährt fort: »Solange ›Welt‹ der Inbegriff des Seienden, ›das All‹ ist, gibt es nur ›die‹ Welt schlechthin, so dass eine nähere Bestimmung sinnnlos wäre. Erschöpft die Welt aber nicht mehr das All, hört die Welt auf, das All zu umfassen, ja wird sie durch ein radikal ›Anderes‹ begrenzt, dann muss sie als ›diese‹ Welt bezeichnet werden.«

Durch andere Augen sehen. Installation in Kehl am Rhein

Durch andere Augen sehen. Installation in Kehl am Rhein

Diesseits und Jenseits. Wenn ein Praktikant (wie ich kürzlich in einem Altenheim einer war) an einer Stelle auftaucht, verändert sich plötzlich die Lage; die Mitarbeiter beginnen, sich durch die Augen des Praktikanten zu sehen, ihre Welt wird plötzlich transparent und ist nicht mehr die einzig denkbare. Jeder Beobachter wirkt auf die Interaktionen einer Gruppe ein. Das Fremde reißt auf und verstört. Nichts ist mehr selbstverständlich.

Die andere, fremde Welt definiert unsere Welt. Als nach 1989 die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang fielen, waren der Konsumwelt keine Grenzen mehr gesetzt. Das führte zu Auswüchsen und zu einer Art Monokultur. Und immer wieder tauchen Fremde auf und sind einfach da. Wir opfern sie nicht, aber wir versuchen, sie kleinzuhalten und zu kontrollieren. Dennoch sehen wir uns durch ihre Augen und sind gezwungen, unser Treiben zu hinterfragen.

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