Heilen mit Geistern

Edith Turners Buch turnte mich an. Die Geister melden sich während der Trommelzeremonie, wie sie es erlebt hat, und sie schreibt, die Geister seien ebenso real wie die Seele. Es gibt sie. Das wollten wir hören, Mrs Turner!

Um den Beitrag über Fremdsein und Opfer zu illustrieren, habe ich eine Geschichte aus Among the Healers ausgewählt. Die Aussage ist ja schwer zu schlucken, dass der Gott geopfert werden muss, dass er sterben muss, um seine Kraft nichzt zu verlieren; um Erneuerung herbeizuführen.

Die Geschichte um Jesus Christus, dieser große Mythos, spricht davon. Er, der auch Gott ist, starb für unsere Sünden; bei jeder Heiligen Messe wird Wein zu Blut und die Hostie zu heiliger Speise und gibt den Gläubigen ein neues Leben. Innerhalb der christlichen Lehre ist Christi Tod das Zentralstück.

Edith Turner und ihr Mann Vic nahmen bei den Ndembu in Sambia in den 1950-er Jahren an einer Heilzeremonie teil. Krank war Suliyana, die Frau des Zauberers Samutamba. Sie bekam keine Kinder. Ihre Mutter Nyamukola hatte Lepra. Der Zauberer selbst litt unter einer Geschlechtskrankheit und war verjagt worden, weil er angeblich eine alte Tante in den Tod gehext hatte. Nun aber war Samutamba wieder da.

Der Schamane (Rolf Hannes)

Der Schamane (Rolf Hannes)

Vor der Zeremonie wurde der Orakelmann befragt. Er sagte: »Geht nach Chihamba. Geht zum Großvater, dem Sturm. Er hilft euch.« Ein Trupp aus Heilern und Patienten setzt sich in Bewegung, ausgerüstet mit Rasseln, und dazu sangen alle. Sie gingen weg vom Dorf, dann wieder zum Dorf hin, angeleitet von den »Doktoren« des Rituals. Regen fiel. Dann näherten sie sich der Hecke des Geheimnisses.

Ein Donnerschlag ertönte. Durch eine Lücke erspähten sie etwas Weißes. Es war isoli, die Vision, und sie war wie ein runder kleiner weißer Dom, der sich zum Rhythmus der Trommeln bewegte. »Es ist der Großvater!« rief der Medizinmann Lambakasa aus. Der aggressive Rhythmus packte alle. Alle gingen zu Boden und verehrten den Großvater; die Frauen melkten vor ihm ihre nackten Brüste.

»Aber die Zeit des Tötens war gekommen«, schreibt Edith Turner. »Es musste getan werden.« Lambakasa sagte zu Nyamukola: »Los, töte ihn.« Alle fingen plötzlich an, mit ihren Rasseln kräftig auf das weiße Ding einzuschlagen, das irgendwie aus Holz gemacht schien. Das Ding erzitterte, sank nieder und blieb still. »Du hast Großvater getötet«, frohlockte Lambakasa.

Alle waren überglücklich. Warum? Es war so, schrieb Edith Turner. Sie hatten den Geist unter dem weißen Tuch freigesetzt, und der Geist war nun bei ihnen. »Nun seid ihr alle unschuldig«, erklärte der Medizinmann. Ein Neuanfang. Alle lächelten und begaben sich in einer Prozession zurück zum Dorf.

Vic und Edith hatten viel zu bereden. Warum sie nicht den Namen des Großvaters erfahren hätten? Das Geheimnis ist zu dicht. Man kann es nicht benennen. »Sie opfern ihn auf der Stelle«, sagte Victor Turner. »Das ist es, was er will. Großvater Sturm ist formlose Energie wie der Blitz. Er sorgt dafür, dass alles läuft. Er ist eine Person. Aber er ist unvorhersehbar. Er bedroht Leute und macht ihnen Angst. Er ist … Antistruktur. Du kannst ihn nur verstehen, wenn du dich befreist.«

Samutamba wurde von seiner Krankheit geheilt, Suliyana schenkte ihm zwei Söhne. Alle, die teilnahmen, wurden geheilt. Das Opfer hatte für Erneuerung gesorgt und den Geist unter den Anwesenden verbreitet. Ein Energieschub.

Edith Turner dachte in ihrem Buch weiter darüber nach: Energie, Kraft und Geister hätten sie beschäftigt. Wann welche Komponente auftritt, ist schwer zu sagen. Der Großvater sei einer persönlicher Geist gewesen, habe durch die Stimme eines Medizinmannes gesprochen.

Auf dem Höhepunkt der Szene im Wald erfuhren wir, dass wir uns heilen würden, wenn wir ihn töteten. … Es war, als hätten wir eine Schatztruhe geöffnet. … In späteren Jahren erlebte ich die rituelle Zerstörung von heiligen Objekten öfter: von sorgfältig hergestellten Sandmalereien (bei den Indianern), beim potlatch der eingeborenen Amerikaner, die Zerstörung einer großen Schlange aus Lehm bei der Initiation von Mädchen bei den Bemba und andere. Ähnlich ist der Wunsch des Karibus oder der Robbe, zu einem großen Jäger zu kommen und ihm sein Leben zu Füßen zu legen. Der Geist des Tiers kann dann den menschlichen Jäger mit spiritueller Kraft erfüllen.   

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