Communitas

Zum letzten Mal Material aus dem Buch Among the Healers. Wir kommen zu einem zentralen Begriff: Communitas. Von Paul Goodman in den 1960-er Jahren erstmals verwendet, griff Victor Turner den Begriff auf und füllte ihn neu mit Leben. Er steht für Liebe, Gemeinschaftlichkeit, Sympathie und Mitgefühl.

Edith Turner schreibt:

Communitas ist der allgemeine Ausdruck für Liebe, Gemeinschaft, Gefühl für den Nächsten, Mitgefühl, Sympathie und die Suche nach dem Guten und einer Antwort einer anderen menschlichen Seele.  

Vic Turner erlebte es beim Sport, in der Armee oder bei gemeinsamer Arbeit, bevor er die Essenz herausarbeitete. Beim Sport ist es oft beschrieben worden: Eine Mannschaft fängt Feuer und spielt sich in einen Rausch; ein Skifahrer gleitet dahin, fährt wie ein Schlafwandler, kommt in the zone, und dabei entsteht Glück. Das Alltags-Bewusstsein ist ausgeschaltet, man bewegt sich harmonisch wie nie. Doch Communitas gehört – das sagt ja der Name – zu einem Tun mit anderen.

Gemeinsame Freude bei Critical Mass, Rom 2003

Gemeinsame Freude bei Critical Mass, Rom 2003

Lassen wir das noch einmal Edith Turner ausdrücken:

Alle sind gleich, die Erfahrung ist einfach da, und jeder ist eine ganze Person und ein Freund.  … Communitas ist wie unsere Biologie nichts Spezialisiertes. Sie bleibt offen und unspezifisch, eine Quelle reiner Möglichkeit. Es ist etwas Magisches um sie. Diejenigen, die communitas erfahren, spüren die Anwesenheit von spiritueller Kraft, und es kommt unerwartet wie der Wind und wärmt alle auf und veranlasst sie, sich anderen zuzuwenden. Sie entsteht, wenn Menschen einen Sinn von Offenheit für den anderen an den Tag legen, von Bereitschaft und Empfindsamkeit ohne vorgefasste Ideen. Um die communitas herrscht Demokratie und Demut … In der Gruppe ist das, was gesucht wird und was passieren kann, die Einheit, die bruchlose Einheit, so dass alles ein Motiv für Freude und Lachen hergibt. Die Vorzüge von communitas sind Freude, Heilen, gegenseitige Hilfe, kollektive religiöse Erfahrungen, lang anhaltende Beziehungen zu anderen, ein humanistisches Bewusstsein und der Glaube an die Menschenrechte.

Manchmal entstehe so die Kraft für kollektives Heilen und ein Handeln in visionärer Harmonie, schreibt Frau Turner. Gerade las ich in dem Buch L’enfant noir (1953) von Camara Laye aus dem Senegal: »Sie sangen, unsere Männer, sie ernteten; sie sangen im Chor, sie ernteten gemeinsam: Ihre Stimmen gingen zusammen, ihre Gesten gingen zusammen; sie waren zusammen! – vereint in der selben Arbeit, vereint durch den selben Gesang. Dieselbe Seele vereinte sie, verband sie; jeder und alle genossen die Freude, die identische Freude, eine gemeinsame Arbeit zu verrichten.«

Ich schloss ja kürzlich meine Ausbildung zum Alltagsbegleiter ab, und unter den 12 Mitschülerinnen und Mitschülern entstand ein Zusammenhalt. Das dauerte ein paar Wochen, aber dann gehörten wir zusammen und freuten uns aufeinander. Ich dachte mir: Menschen müssen gemeinsam an einem Ziel arbeiten, an einem Projekt, und sie sind nicht mehr getrennt voneinander.

Beim Radfahren entsteht eine Art Rausch beim Fahren, aber noch schöner ist es mit anderen. Ich erinnere mich, wie ich im Mai 2014 in der wüsten, verlorenen Landschaft südlich von Catania fuhr und nicht wusste, wo ich war. Da sei eine Gruppe vorbeigekommen, sagte ein Mann. Ich traf sie am Straßenrand, schloss mich ihnen an, zu neunt jagten wir auf Catania zu. Es war eine Gruppe von Radlern aus Madignano bei Crema, und bei der Fahrt schon, aber noch mehr, als wir dann zusammenstanden und uns fotografierten, entstand ein Glücksgefühl, und ein Strom von Energie war um uns.

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Wenn viele Seelen ihre Energie verströmen und sie ineinanderfließen lassen, wird vieles möglich. Auch bei wissenschaftlichen Konferenzen habe ich große Gemeinsamkeit erlebt und dann die Trauer beim Auseinandergehen.

Schade, dass Heilung heutzutage im Westen eine Sache zwischen Doktor und Patient ist. Was haben wir? Fußballspiele, Hocks, Theater und andere kulturelle Spektakel, aber meist geht es um Konsum, und getrennte Individuen feiern für sich. Vereine sind schön, irgendein gemeinsames Tun ohne Hintergedanken und mit Freude.

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