Simon Magus und das Böse

Der Zauberer Simon soll der erste Ketzer gewesen sein. Er lebte nach der Zeitenwende in Rom, und die Frühchristen verabscheuten ihn, weil er predigte, aus Prinzip gegen alle Gesetze zu verstoßen. Er soll reichlich Orgien veranstaltet haben.

Vermutlich Sex-Orgien. Was in den Jahren von 70 bis 80 in Rom verpönt war, wurde noch 1900 Jahre später gefürchtet. Die »Sex-Orgie« ― gern verbal benutzt durch die Bild-Zeitung und die »christlichen« Parteien CDU und CSU ― war ein Kampfbegriff: Dem Bürger sollte in den 1960-er Jahren die Verkommenheit der »Kommunisten« (Studenten und Linksliberale)  klargemacht werden. Die Zivilisation war in Gefahr.

Der Slogan der Rechten hieß: keine Experimente. Während Kanzler Konrad Adenauer im Urlaub in Cadenabbio am Comer See Rosen züchtete, führte Hans Globke (bis 1963) in Bonn die Geschäfte, der Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze. Zur Pensionierung bekam er das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Danach wollte Globke in die Schweiz, doch diese wies ihn als unerwünscht ab (schreibt Wikipedia). Stark Schwyz!

Simon jedenfalls war ein Zauberer aus Sebaste bei Samaria. Er holte sich eine Frau aus dem Bordell, nannte sie Helena und behauptete, sie sei als Ennoia der erste Gedanke Gottes und müsse aus der Dunkelheit befreit werden; und er selbst sei ein Gott. Simon Magus soll fliegen gekonnt haben, und zu levitieren war ihm ein Leichtes. Mit seinen Lehren von der schlechten Welt und dem fernen Gott predigte er das Gedankengut der Gnostiker, die in Vorderasien lebten.

Wir wissen über ihn nur durch christliche Quellen, die ihn natürlich besonders schlecht aussehen ließen. Wie werden nie wissen, wie Simon wirklich war, und auch die Anfänge des Christentums bleiben unbekannt. Es wird mit Gewalt und Intrigen die Konkurrenzsekten ausgeschaltet haben.

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Die Engländerin Anita Mason (geboren 1942) hat mit dem Roman The Illusionist (1983) Simon Magus näherzukommen versucht. Es ist ein reichhaltiger, fesselnder Roman. Die Autorin lässt Simon mit Christen in Kontakt treten. Durch lange Diskussionen mit Philip und Kepha bildet er sich seine eigene Meinung. Der Höhepunkt ist ein Gespräch Simons mit Kepha, das der Magier kurz vor seinem überraschenden Tod führt.

Da stecken so viele tiefe Gedanken drin, dass man verwirrt wird. Ich muss ein paar Stellen aus dem Dialog übersetzen, ohne sie zu kommentieren.

»Wir haben uns beide geirrt«, sagte Simon. … »Vielleicht«, schlug Kepha vor, «sagst du mir, wovon du sprichst.« … »Ich spreche über Tag und Nacht, Mann und Frau, süß und sauer, richtig und falsch. Ich spreche darüber, was ist und was nicht ist. … Alles hier ist in Wirklichkeit ein Zwillingssein. In diesem Zwillingssein ist jedes Paar von Gegensätzen, die wir kennen, eine Reflexion. … Es gibt nur eine Dualität. … Die Wurzel der Welt ist gegabelt. … Die Wörter gut und böse bedeuten nichts«, sagte Simon. »Es sind die Wörter, die wir benutzen, wenn sich die Dualität in unserem Geist in einer besonderen Art ausdrückt. … Ich habe verstanden, dass die Schöpfung böse ist, immerhin. Ich verstand nicht, warum. Die Schöpfung ist böse, weil die Schöpfung eine Abtrennung ist, eine Differenzierung; und darum bringt sie hervor, was immer in den Dingen ist, die Menschen böse nennen, was zuvor so gründlich vermischt mit seinem Gegensatz war, dass es nicht existierte. Und ich verstand, dass der Gott, den ihr verehrt, bekämpft werden muss … Und ich verstand, dass die Welt eine Falle ist, und einer Falle muss man zu entkommen suchen, aber ich verstand nicht, dass die Flucht aus der Falle Teil der Falle ist. Das war schwer zu verstehen.«

»Er erklärt, der einzige Gott zu sein. Es ist die Grundlage eures Glaubens, nicht wahr? … Es ist eine Lüge, Kepha. Nichts ist eins. Alles ist zwei. Es gibt keine Aussage, die nicht ihre eigenen Widerruf in sich birgt. Doch eure Leute haben das nicht verstanden, und Generation nach Generation habt ihr euren Gott als Einen verehrt, bis er gierig wurde und erklärte, dass es keinen anderen gäbe. Und dieser Irrtum hat ein monströses Ungleichgewicht in der Welt geschaffen, das nur korrigiert werden kann, indem man den Anderen verehrt.«

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»Was falsch ist an deinem Weg und was an meinem Weg falsch war, war ihr Anspruch, der einzige zu sein. Jedes Einzige wird versuchen, seinen Schatten zu finden, seine andere Hälfte. Und wenn es daran gehindert wird, wird es seltsame und schreckliche Dinge tun. Es wird nicht nur seinen Schatten erschaffen, es wird der Schatten werden. … Ich versuchte, das Gesetz zu zerstören und fand, dass die Zerstörung des Gesetzes zum Gesetz geworden war … Ich lehrte, die Freiheit anzustreben und nichts anzubeten und fand, dass ich als Gott angebetet wurde. … Dir wird es passieren, dass du dich genau an dem Ort wiederfindest, dem du dein halbes Leben lang entfliehen wolltest. Und du wirst es nicht ertragen, weil du glaubst, dass Gott Einer ist.«

Nun erreicht Simon eine existenzialistische Folgerung: heroisches Leben im Bewusstsein des Wissens um seine Sinnlosigkeit.

»Der wahre Abgrund ist, dass es keinen Sinn hat, irgend etwas zu tun, und dass wir es trotzdem versuchen müssen. Unsere Anstrengung wird verlangt, obwohl sie nichts bedeutet und nichts daraus hervorgehen wird. Es wird genau deshalb verlangt, weil nichts daraus werden wird. Es wird negiert werden und es negiert. Es wird die Welt im Gleichgewicht halten und sicherstellen, dass eine ganze Weile nichts geschieht. Denn wenn wir nichts mehr täten, würde die Welt enden.«

Ob er das glaube, fragt Kepha. Er sehe es, meint Simon. Sie beiden seien ohne Bedeutung, sie würden benutzt. Von wem? Von was? — Die alte Frage nach dem Bösen in der Welt ist immer noch da.

(Illustrationen: oben Basilika St. Blasien; unten Fußboden in San Giovanni in Laterano, Rom)

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