Spektakelwut

Das Zitat von Blaise Pascal (1626-1664) ist berühmt: Das Elend der Menschen kommt daher, dass sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben können. Wir schauen uns das Originalzitat einmal an und merken: höchst aktuell. Die digitale Zukunft verheißt viel Freizeit, halten wir das aus?

Unter dem Kapitel Zerstreuung schreibt Pascal:

Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten …, habe ich häufig gesagt, dass das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.

Wahnsinn! So ordentlich war es in meinem Zimmer mal. Muss Jahre her sein.

Kaum zu glauben: So ordentlich war es mein Zimmer mal. Muss Jahre her sein.

Damals gab es noch kein Internet. Nun können Bürger an ihrem Schreibtisch unerhörte Aktivitäten auf- und die Welt durcheinanderbringen. Wir müssen bei Pascal also das ruhig betonen: ruhig in einem Zimmer bleiben, ohne auf einer Tastatur herumzuhacken. Der Franzose suchte dann nach einer Ursache und meinte, dass sie

im natürlichen Unglück unserer schwachen und sterblichen Beschaffenheit besteht, die so elend ist, dass nichts uns trösten kann, wenn wir sie recht bedenken.

Andreas Gryphius, der andauernd die menschliche Vergänglichkeit beklagt, war Pascals Zeitgenosse. Man litt im 17. Jahrhundert, aber man lebte auch leichtfertig, aus einer gewissen Verzweiflung heraus. Nun weiter Pascal:

Das einzige Gut der Menschen besteht also darin, dass sie von den Gedanken an ihre Lage abgelenkt werden, und das entweder durch eine Beschäftigung, die sie davon abbringt, oder durch irgendeine angenehme und neue Leidenschaft, die sie ausfüllt, oder auch durch das Spiel, die Jagd, irgendein anziehendes Schauspiel und schließlich durch jenes, was man Zerstreuungen nennt.

Die Menschen suchen den Tumult, schreibt Pascal, aber beileibe nicht als Zerstreuung.

Doch das Übel besteht darin, dass sie ihn aufsuchen, als sollte der Besitz der Dinge, um die sie sich bemühen, sie wirklich glücklich machen, und darin beschuldigt man ihre Sache zu Recht der Eitelkeit, so dass bei alldem diejenigen, die tadeln, wie auch diejenigen, die getadelt werden, nicht die wirkliche Natur der Menschen verstehen.

Das stimmt ja heute auch. Alles wird einem als Erlösung versprochen, als Lebensglück, und dem wird nachgerannt, oft, um sein Ego und sein Image zu erhöhen. Wer das als primitiv bezeichnet, gibt sich als Philister zu erkennen , da er sich als überlegen wähnt. Hübsch, wie Pascal schreibt, dass einem Menschen, der tausend Gründe zur Langeweile besitzt, die geringste Kleinigkeit wie ein Billardspiel und ein Ball, den er vor sich herstößt, genügen, um ihn zu zerstreuen. Warum Fußball? Welchen Zweck hat das? Pascal: Jenen, sich morgen vor seinen Freunden rühmen zu können, dass er besser als ein anderer gespielt habe. Und: um informiert zu sein. Ein Gesprächsthema zu haben.

Doch in dem Passus steht ein wichtiger Begriff: die Langeweile. Niemand heute wird über den Tod oder über das Alter nachdenken, wenn er zuviel Zeit hat; er empfindet die Zeit einfach als leer und langweilt sich. Daraus entstehen oft blöde Gedanken und Projekte. Viele Menschen, denen eine Maschine den Job weggenommen hat, werden, auch wenn das Geld ausreicht, unglücklich sein. Wie fülle ich mein Leben mit Sinn? Wie kann ich etwas tun, das Bedeutung hat? Jeder frischgebackene Rentner kennt das Problem.

Da werden wir viele Ratgeber und Coaches brauchen. Denn unser Denken ist leer, und Philosophie und Theologie stehen längst im Abseits, in der Rumpelkammer der Geschichte, hineingeschoben durch die Gesellschaft des Spektakels, die keine Spielverderber will. Sie will Konsum, und den nicht zu knapp.

Wie kann ich etwas tun, was Spaß macht? Dazu braucht es Geist. Man muss sich selbst kennen und kennenlernen. Um die jungen Menschen, glaube ich, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Sie finden ihren Spaß. Das Problem wird auftreten, wenn jemand keine Bildung genossen hat und daran gewöhnt ist, Aufträge zu bekommen. Kreativität und Imagination sind nötig, und sie müssen an den Schulen gelehrt oder befreit werden, statt die Kinder mit immerneuen Anforderungen zu stressen.

 

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