Der Fuhrmann des Todes

Das hier ist zwar eine Totengeschichte für November, doch dann auch eine Neujahrsgeschichte. Darum kommt sie am 31. Dezember ins Programm. Von Selma Lagerlöf hatte ich schon einmal Jerusalem behandelt, dann holte ich den Fuhrmann des Todes aus dem Regal. Ergreifend.

Selma Lagerlöf (1858-1940), Literatur-Nobelpreisträgerin 1909, schrieb ihren Roman 1912 ― und sie schildert darin eine Nahtod-Erfahrung, die sie nicht aus Qellen kennen konnte, da Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody diese erst in den 1960-er Jahren popularisierten.

Im Vorwort des Buches heißt es, dass unsere Selma

zeitlebens eine positive und achtungsvolle, fast devote Haltung dem Übersinnlichen, dem Übernatürlicdhen gegenüber vertrat … Das Vorhandensein einer Welt jenseits der Sinne war für sie eine Tatsache, etwas, das sie nie nötig hatte zu verleugnen. Seit ihrer Kindheit war ihr das Reich der Naturgeister oder Elementarwesen vertraut. Sie hatte Umgang mit diesen Wesen und konnte sie wahrhemen. Auch das Weiterleben der Verstorbenen in einer höheren Welt war ihr eine innere Erfahrung.

Der Totenkarren, der die Verstorbenen aufliest, fährt knatternd dahin. Der Fuhrmann kann seinen Job demjenigen übergeben, der kurz vor Mitternacht an Silvester stirbt. Im Sterben liegt Edith, die in der Heilsarmee arme Menschen retten wollte und in David Holm verliebt war, der viel trank und sich durch nichts rühren ließ. Auf dem Sterbebett will sie David sehen, aber man holt ihn nicht, und er hat auch keine Lust zu kommen.

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Mann mit Karren und Hund. Foto von Harris & Ewing, 1924, courtesy by Library of Congress Prints and Photographs Division, Wash. D.C.

Doch dann bricht er kurz vor Mitternacht zusammen. Sein Tod ist nahe. Der Fuhrmann jedoch gibt ihm noch eine Chance, und in den Minuten vor dem Glockenschlag zum nächsten Jahr dringt er tief in seine Vergangenheit ein – etwa wie Ebenezer Scrooge in Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte, dem der Geist der Weihnacht zeigt, wie hartherzig er war.

Holm kommt noch rechtzeitig, um seine Frau vom Selbstmord abzuhalten, die zudem ihre Kinder mitnehmen wollte. Er bittet sie um Verzeiehung und erlangt sie. Auch Edith darf er kurz sehen … und, ja, er hat sie auch geliebt. Sodann kehrt er in seinen Körper zurück, bereit zu sterben und für ein Jahr zum Fuhrmann des Todes zu werden, bevor er, geläutert, den Stab abgeben und seiner Geliebten im Jenseits in die Arme sinken darf. Das alles sind schwere Aufgaben, um sein verfehltes Leben zu büßen, und David Holm

saß da und fühlte sich unaussprechlich alt. Er war geduldig und ergeben geworden, so wie die Alten es zu sein pflegen. Er wagte es nicht mehr, etwas zu hoffen oder zu wünschen, er faltete nur seine Hände und flüsterte den Neujahrswunsch des Fuhrmanns: »Gott, großer Gott, lass meine Seele zur Reife kommen, ehe sie geerntet wird.«

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