Im Hochsicherheitstrakt

Zwei Tage in der Nähe von Karlsruhe verbracht, übernachtet auf dem Campingplatz Lauterburg (Elsass). Man kriegt einen Badge, damit sich der Schlagbaum hebt, und Zäune gibt es vor dem See. Sogar der Weg zu den Müll-Containern ist verrammelt. Warum stört mich das plötzlich?

Mir fiel der Campingplatz südlich von Sète ein, der mit dem hohen Zaun vor dem Meer. Auch in Les Saintes-Maries de la Mer muss man einen Badge an einen Punkt drücken, um hinauszukommen auf den Strand. Ist das denn wirklich nötig? Es schleichen sich ja vielleicht Illegale vom Strand her ein, aber immerhin könnten die Campingplatzchefs Patrouille gehen. Lieber baut man einen Zaun. Könnte auch eine Mauer sein. In Lauterburg gibt es als Weg zum See diese Schlagbäume, die nur in eine Richtung jemanden durchlassen. Ich fühlte mich wie in einem Hochsicherheitstrakt.

Manche Camper haben die kleinen Buchsbäume vor ihrem »Wohnzimmer« akkurat beschnitten, wie sie das vermutlich auch zu Hause im Garten tun. Klar, Camping ist Fortsetzung des Bürgertums mit anderen Mitteln, die Freiheit ist Illusion.

So ein Campingplatz kann unendlich traurig sein, dachte ich mir wieder.  Die leerstehenden Wohnwagen sind ein Bild der Abwesenheit. Der Mini-Zelt-Besitzer, der (wie ich) eine Kerze vergessen hat, wandert also ruhelos durch die Anlage, denn er will ja nicht schon um 21 Uhr zu Bett gehen. In Toledo war es traurig, trotz des Blicks hinunter auf den Fluss Tejo, und wie schlimm war es erst in Südschweden, im Wald! Man hat zwar Räume zum Duschen und Toiletten, aber sonst gibt es nichts. Kein Leben. Und wenn es Leben gibt wie im Sommer auf Campingplätzen in der Schweiz, ist es gleich wieder zuviel.

Nein, ich werde dieses Jahr keine Radtour mehr unternehmen. 9 Euro ist ein guter Preis für die Übernachtung, aber man zahlt einen höheren Preis dafür. Man fühlt sich so verlassen. Und Zäune, wo man schaut. Dann saß ich am Eingang des Platzes Lauterburg, rauchend, und ein belgisches Ehepaar traf mit dem Auto aus Italien ein, aber von der Verwaltung war niemand mehr da. Ich hatte den Badge, der den Schlagbaum geöffnet hätte …

Doch ich konnte es nicht. So war ich im Bann der Zäune. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, die beiden hereinzulassen; ich hatte nicht das Recht dazu. Das alles ist ziemlich schwachsinnig und ärgerlich. Die Freiheit in der Natur ist es jedenfalls nicht. Es ist das Gegenteil von Freiheit.

Ø—Ø

Bin etwas pessimistisch drauf. Da ist ja noch bis 7. Oktober die Unterbrechung der Bahnlinie; also fuhr ich von Baden-Baden nach Rastatt und hinüber nach Frankreich. Da sieht man dann Einzelmenschen in ihren schwarzen oder braunen glänzenden Limousinen, die abbiegen oder sonstwie herukkurven. Man rollt durch Siedlungen mit gepflegten Häusern und Gärten, breite Straßen, kaum ein Mensch, es könnte überall sein in unserem Land, in dem man gut und gerne leben solle, wünscht sich die Kanzlerin. Dann fuhr ich zu einer Kirche und fragte eine Kindergärtnerin, und hui! waren da Kinder um mich, zerrten an meinem Rad, fragten »Wofür ist das?« und »Warum hast du so viel Gepäck?«, und plötzlich: Leben, Lebhaftigkeit, überströmende Energie! Diese wunderbaren Wesen setzt man dann in die Schule; still sein; und zwanzig Jahre später brauchen sie ein Auto, einen Job, heiraten und bauen Häuser. Landleben ohne Natur, ohne Mystik, in gepflegter Langeweile. Anders: die Städte. Mehr Bewegung (auf den Straßen), Unvorhergesehenes wird möglich. Pont St. Esprit, Bar du Sport: Da hingen alle herum, und du stelltest dich zu ihnen, an die Theke. Gemeinschaft spüren. Unter Menschen sein.

Dialektik. Beide Pole müssen sein. »Meinst du, ich könnte zu Rom Gedichte schreiben?« fragt Horaz vor über 2000 Jahren einen Freund. »Hier rast ein tollwütiger Hund durch, dort rennt schmutzstarrend ein Schwein – und nun geh du da entlang und ersinne bei dir wohltönende Verse!«

 

3 Kommentare zu “Im Hochsicherheitstrakt”

  1. Regina

    Lieber Mandy! das macht wütend! Die Zeit vom „wild übernachten“ ist also nicht mehr – traurig! War es doch an geheimen Stellen sogar in Deutschland machbar, wo es eigentlich verboten ist! Liebe Grüße gina

  2. web108

    Liebe Gina! Natürlich kann man immer noch wild campen. Das ist die echte Freiheit. Die Luxusvariante ist das Wohnmobil. Aber auch damit darf man sich nicht überall hinstellen. Das betrifft uns nicht. Ich merke, dass es mich stört, wenn ich am Abend nicht lesen und arbeiten kann. Es gibt ja immer was zu tun. Liebe Grüße Mandy.

  3. Regina

    Lieber Mandy! … und dann – ich schlafe gerne draußen – kriecht eine Schnecke über den Schlafsack – ja echte Freiheit inmitten der Natur – guten Morgen! Lieben Gruß gina

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