Messie

Ein Kapitel in dem Buch Der gehemmte Rebell von Hermann Lang (2015) über Zwangsstörungen behandelt die Messies. Dieses Verwahrlosungssyndrom wurde erstmals 1985 beschrieben und heißt auch Diogenes-Syndrom nach dem griechischen Denker, der in einer Tonne hauste.   

004Der berühmte Komponist Eric Satie (1866-1925) konnte nichts wegwerfen. Er hatte sich ein Dutzend Samtanzüge gekauft und trug immer einen. Geld steckte er zwischen alte Zeitungen in einen Koffer. Alkoholiker war er auch, was zu seinem Tod mit 59 Jahren führte. 1917 bekam er in Paris erstmals Anerkennung als Komponist. Saties Zwang zu Symmetrie führte dazu, dass er ein Stück schrieb, das 840 Mal wiederholt werden sollte. Gymnopédie No. 1 heißt der Titel, den alle kennen. (Illustration: Sperrmüll)

Eine 48 Jahre alte Frau lebte völlig vermüllt. Sie musste sich immer neue Kleider kaufen, die Türen ließen sich nicht mehr öffnen, das Schlafzimmer war unzugänglich (sie schlief auf einer Couch). Doch sie arbeitete (1992) bei der Post, war immer perfekt gekleidet und leitete ein Team. Die Verwahrlosung »konnte als Ausdruck einer Form späten Protests gegen die stiefmütterliche Sauberkeitsdressur gesehen werden«.

Friedhof Civitavecchia

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Da passt das Label von der (hier) gehemmten Rebellin, denn: »Der Zwangskranke lebt ja häufig dieses Paradox, dass er einerseits wie kein anderer Sauberkeit und Ordentlichkeit auf sein Panier schreibt, zugleich aber gegen diese Ordnung, wenngleich kaschiert, zu Felde zieht.« (Kursiv so im Text, S. 80)

Eine 52-jährige Verkäuferin litt unter Kaufzwang und verschuldete sich. Zudem hatte sie einen Fotografierzwang und hortete Kisten mit Fotos, da sie ihr uneheliches Kind aus allen Stellungen fortdauernd ablichtete. Das kam, weil sie als Kind nie fotografiert worden war. Sie hatte beim Sex keine Empfindungen, und Hermann Lang schreibt, Zwangskranke wehrten sich gegen das Sich-Verschenken in der Liebe und gegen zu große Nähe. Das Messie-Syndrom ist ein Schutzwall: Denn in so einer Wohnung ist wirklich kein Zusammenkommen möglich.

Es sind schwierige Biografien, die dargestellt werden, und oft laufen alle therapeutischen Bemühungen ins Leere. Helfen soll das Verbalisieren von Ängsten, Hoffnungen und Traumata; das ist immer die Vorstellung der Analytiker. Lang: »Zwänge und offentsichtlich auch das Messie-Phänomen – so paradox das klingen mag – haben eine strukturierende, stabilisierende Funktion.«

Ein Zählzwang könne als Mathematisierung der Welt ein inneres Chaos ordnen. Der Fotografierzwang bringt Vergänglichkeit in den Raum und lässt sie aufgehoben sein. Das gilt auch für das zwanghafte Sammeln von Zeitungen. Der Sammelzwang überhaupt sei beruhigend: Du kannst nichts verlieren, es ist immer bei dir. In geringen Dosen ist das alles auch in uns.

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