Der Onkel aus Amerika

Die Firma Singer, 1851 gegründet, wurde zur größten Nähmaschinenfabrik der Welt. George Singer baute ab 1874 zwanzig Jahre lang in England Fahrräder, und Isaac Bashevis Singer – um ihn geht es – erhielt 1978 den Literatur-Nobelpreis als einziger jiddischer Autor, der über das untergegangene Ostjudentum schrieb.

Singer also. Ich hatte ein Buch von Helen Singer Kaplan (1929-1995) bestellt, einer amerikanischen Sextherapeutin, und dann angelte ich aus einem Regal mir den Kurzgeschichtenband Der Kabbalist vom East Broadway von Isaac Bashevis Singer, der von 1904 bis 1991 lebte und über die Juden schrieb, die aus Polen und Ungarn in die USA entkommen waren sowie über die Kultur des ostjüdischen Shtetls.

Die Nazis hielten die jüdischen Bewohner Ostpolens für rückständig, schmutzig und befanden sie für nicht lebenswert. Man transportierte sie zu Hunderttausenden in die Vernichtungslager. Singer schrieb: »Die Vandalen, die Millionen dieser Menschen ermordeten, haben einen Schatz von Individualisten zerstört, den zurückzubringen keine Literatur auch nur wagen kann.«

Dorfszene in Zaprudy bei Kobryn, Ostpolen. 1919, American Red Cross. (courtesy: Library of Congress Prints and Photograph Division, Wash. D.C.)

Dorfszene in Zaprudy bei Kobryn, Ostpolen. 1919, American Red Cross. (courtesy: Library of Congress Prints and Photograph Division, Wash. D.C.)

In der Geschichte Der Sohn aus Amerika schildert Singer das Leben von Berl und Berlcha, hochbetagte Leute, in dem kleinen Dorf Lentczyn in einer kleinen Hütte mit Mini-Garten, Kuh und Ziege. Samuel, ihr Sohn, ist nach Amerika ausgewandert und hat immer wieder Schecks geschickt, die Berl dann einlöste. Niemand wusste, was er mit dem Geld angestellt hatte.

Eines Tages steht ein groß gewachsener Mann in der Hütte, gut gekleidet. Samuel ist zurückgekommen! Die Eltern sind gerührt. Dann will Samuel doch wissen, was mit seinem Geld geschehen ist. Berl zeigt ihm einen Stiefel voller Goldstücke. Ein Dialog beginnt.

»Vater, das ist ein Vermögen!«
»Hm.«
»Warum habt ihr’s nicht ausgegeben?«
»Wofür? Wir haben alles. Gott sei’s gedankt.«
»Warum seid ihr nicht irgendwohin gereist?«
»Wozu? Das ist unser Heim.«

Die Synagoge von Lugano

Die Synagoge von Lugano

Samuel ist entsetzt. Wenn Diebe davon erführen … Berl antwortet, hier gebe es keine Diebe. Neuer Versuch: »Vielleicht sollten wir eine größere Synagoge bauen?« ―»Die Synagoge ist groß genug.« ― »Vielleicht ein Heim für alte Leute?« ― »Niemand muss auf der Straße schlafen.« Samuel solle das Geld nehmen. Der Sohn geht zur Synagoge und fragt einen Mann: »Betet Ihr?«― »Was sonst soll man tun, wenn man alt ist?« ― »Habt ihr zu leben?« Der Mann, der Psalmen rezitiert hatte, erwiderte: »Wenn Gott Gesundheit schenkt, lässt sich’s leben.« Ratlosigkeit bei dem Sohn.

Samuel steckte im Dämmerlicht seine Hand in die Jackentasche und berührte seinen Pass, sein Scheckbuch und seine Kreditkarte. Er war mit großen Plänen hergekommen. Er hatte einen ganzen Koffer voller Geschenke für seine Eltern. Er wollte dem Dorf Wohltaten erweisen. Er hatte nicht nur sein eigenes Geld mitgebracht, sondern Spenden von einem Lentczyner Verein in New York, der zur Unterstützung des Dorfes einen Ball veranstaltet hatte. Aber dieses abgeschiedene Dorf brauchte nichts. Das Heimchen, das den ganzen Tag geschwiegen hatte, begann wieder mit seinem Zirpen. Berlcha wiegte sich hin und her und sprach fromme Verse, die von Müttern und Großmüttern ererbt waren:

Deine frommen Lämmer
Bewahre voll Gnade,
In Tora und gutenWerken;
Versorge sie alle
Mit Deinen Gaben,
Mit Schuhen, Kleidern und Brot
Und mit des Messias‘ Gebot!

 

Weitere Artikel über die Vernichtung der Judenheit:
Der Untergang der ungarischen Juden
Über die Opfer
Sonderbehandlung
(Die beiden unter Artikel erschienen in der Kritischen Ausgabe plus.)

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