Die komplexe Ehe

Muss die Welt so sein, wie sie ist? Die Ehe, die Familie, das Eigenheim, das Auto, die Karriere? Die Suche nach der einen, solidarischen Welt und der Utopie mit Brüdern und Schwestern lässt uns nicht los. Es hat Leute gegeben, die haben es versucht. In der Oneida-Gemeinde war jeder mit jedem verheiratet.

Stammvater der Sozialrevolutionäre im 19. Jahrhundert war Charles Fourier (1772-1838), der an die freie Liebe und die utopische Gemeinschaft glaubte. Roland Barthes hat das Buch Sade, Fourier, Loyola geschrieben, darin er ihn vorstellt. Die Projekte, die Charles Fourier ins Leben rief, scheiterten alle nach kurzer Zeit, hielten nicht einmal zwei Jahre. Auch Robert Owen (1771-1858) auf den britischen Inseln hatte mit seinen Ideen wenig Glück, als er sich umzusetzen versuchte.

120857prDiese Leute folgten irgendwie alle den Gedanken von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der vor ihrer Geburt gestorben, ihnen aber die Schwärmerei und den Ruf Zurück zur Natur zurückgelassen hatte. Auch John Humphrey Noyes (1811-1886) folgte dem Ruf. Er gründete 1848 die Oneida-Gemeinde auf 23 Hektar in Oneida im Bundesstaat New York. Sie hielt bis 1881, war aber nie stärker als 300 Seelen. Doch es war eine utopisch anmutende Gemeinde, die sich durch Ackerbau und kleine Industrieproduktion über Wasser hielt. (Illustration: Der Portikus des Gerichts von Oneida in Rome, Oneida County, N. Y. Dank an Library of Congress, Wash. D. C. )

Gedanklich ruhte die Gemeinschaft ab 1867 auf vier Säulen.  Die erste hieß Complex Marriage: Bei der komplexen Ehe war jedes Gemeindemitglied mit jeder Frau in der Gemeinde verheiratet. Sexuelle Begegnungen waren immer möglich, doch wenn zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenleben wollten, brauchten sie dafür die Erlaubnis eines Dritten. Eine Beziehung nur zu einem Menschen nur war verpönt, weil egoistisch; dafür konnten beide zwangsweise voneinander getrennt werden.

Alte Alchemie-Darstellung. Darum geht es

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Die zweite Regel war Male Continence: männliche Enthaltsamkeit. Der Mann sollte möglichst nicht ejakulieren, es war eine Art Geburtenverhütung. Von 1848 bis 1868 wurden in der 250 Mitglieder umfassenden Gemeinde nur 40 Kinder geboren.  Ascending Fellowship hießt, dass ein weit entwickeltes Mitglied sich um ein jungfräuliches Mädchen (eine entwickelte Frau sich um einen Jungen) kümmern musste, um es zu integrieren. Mutual Criticism hieß, dass die Gemeinschaft einzelne Mitglieder gnadenlos kritisieren konnte.

Die Gemeinde löste sich vor allem wegen der Feindseligkeit der Bewohner in den umliegenden Dörfern auf. Man kann sich vorstellen, was da gesagt wurde! War ja alles lasterhaft und unchristlich. Noyes wandte sich 1779 von der komplexen Ehe ab, und sofort heirateten ein paar Paare; danach war die Gemeinde eigentlich im Eimer.

Später, in den ausgehenden 1960-er Jahren, gab es noch einmal heftige Versuche mit Kommune und freier Liebe – in London und Schwabing, in Monterey und in Haight-Ashbury in San Francisco. Und das Buch Manetti lesen oder vom guten Leben fällt mir ein, das P. M. 2012 für den Nautilus-Verlag im Hamburg verfasst hat. Lutz Schulenburg, Mitbegründer (gestorben am 1. Mai 2013), schrieb: »Warum Manetti lesen? Ganz einfach, weil dieses Buch die gewohnte Realität gefährdet und Lust auf ein neues Leben macht.«

 

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