Das Totenhemdchen

Ein schönes Märchen der Grimms ist Die Sterntaler, deren Hauptfigur, ein kleines Mädchen, zu einem christlich motivierten Striptease ansetzt, bei dem im Wald, wo’s eh egal ist, die letzte Hülle fällt; doch gleich hat es wieder etwas an und einen Haufen Goldtaler noch dazu. Doch wir schreiben November, darum etwas Trauriges.

Das Totenhemdchen

Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte, ohne ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es DSCN5474sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett und sprach: »Ach, Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen; denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.« Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte: »Siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.« Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.  

DSCN5570Damals, vor 200 Jahren, starben viele Kinder in jungen Jahren – und viele Mütter bei der Entbindung. So ein Märchen kann da Lebenshilfe bieten: Traure nicht zu viel, du schadest deinem Kind. In Jenseitsdurchgaben ist auch dauernd zu lesen, dass übermäßige Trauer den Verstorbenen blockiere und festhalte; die Hinterbliebenen müssen einmal loslassen können. Denn Gedanken an einen lieben Verstorbenen kommen an.

Doch der Tod eines Kindes ist ein gewaltiger Schlag, von dem man sich schwer erholt. Man denke an das Busunglück vom März 2013 im Wallis, bei dem 30 belgische Kinder starben oder an den Flugzeugabsturz 2 Jahre später in Südfrankreich, unter deren 150 Opfern (von einem selbstmörderischen Piloten »mitgenommen«) viele junge Menschen waren.

In Rom gibt es die Vereinigung Convivium, deren Mitglieder alle jemanden verloren haben (oft ein Kind) und nun gemeinsam das Leben nach dem Tod erforschen. Daneben existiert der Verein der »Amputierten«, die ihre Trauer leben und ebenfalls spirituelle Texte veröffentlichen und Treffen abhalten. Die Homepage ist an Chaos nicht zu überbieten!  Und engelhaft kommt der Verein Luci tra le camelie daher, ansässig in Santa Marinella und getragen von ähnlichen  Zielen.

Auch in Deutschland wird es Gruppen geben, die gemeinsam den Tod eines Kindes zu bewältigen hoffen. Ich kenne mich eben mehr in Rom und Umgebung aus.

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