Lesen, was sonst?

Man schreibt so rum und befüllt den November schon, während sich eine Oktoberlücke auftut, und der Oktober ist schon da. Diese dozierenden Beiträge sind lehrreich, aber ein Blog ist wohl auch spontan. Das habe ich etwas vernachlässigt. Also erzählen wir ein wenig – über Literatur und das Lesen, was sonst? Über Isaac Bashevis Singer, Bruce Chatwin und Julio Cortázar. Wegen meiner Mutter musste ich öfter ein Krankenhaus in der Nähe aufsuchen. Das Schöne daran sind immer die Mitarbeiter aus anderen Ländern. Denen fühle ich mich nah. Wer liest und sich nur gedanklich in der Welt umtut, ist ein Kosmopolit, auch wenn er nicht dauernd reist. Also ließ ich mir von Jay von den Philippinen über sein Land erzählen, und Lisandro aus Patagonien entpuppte sich als begieriger Leser von Dostojewski und Kafka. Er freute sich, dass ich des Spanischen kundig war, und Literatur schafft augenblicklich eine Brücke. Es entsteht communitas, ein Gefühl der Gemeinschaft. Wir Literaturliebende gehören alle zu einem Geheimorden. So entsteht kurzzeitig etwas wie Freundschaft.

Patagonien — da fiel mir der Titel In Patagonia von Bruce Chatwin ein. Den empfahl ich Lisandro. Der Zufall wollte es, dass das Buch exakt vor 40 Jahren erschienen war, und da waren Würdigungen zu lesen. Chatwin (1940-1989) hat damit ein großes Reisebuch geschrieben, und er machte seine Aufzeichnungen immer in Notizbücher aus moleskin. Der Autor starb 1989 an Aids in Nizza, liebte Frauen wie Männer gleichermaßen und war ein Egomane wie viele Autoren.

Selber las ich im September einen Erzählband von Isaac Bashevis Singer (1902-1991), betitelt mit Der Kabbalist vom East Broadway. Da geht es viel um Übernatürliches, aber die Geschichten sind auch im höchsten Maß erotisch. Ich dachte immer, jüdische Gelehrte und Schriftsteller suchten fortwährend Gott, aber bei Singer stecken sie immer in komplizierten Liebschaften. Da tauchen Frauen mit Bärten auf, die zielsicher den Mann verführen; eine Frau verfolgt eifersüchtig aus dem Jenseits ihren Ehemann; eine andere ist ein Dämon, verliert alles und verschwindet nach ein paar Jahren spurlos. Das ist recht humorvoll erzählt, und man denkt sich: Was für eine bunte Welt zwischen New York und Paris, mit Malern und erfolglosen Autoren! Wenn man nicht die Ruhe hat, einen Roman zu lesen, sind die Kurzgeschichten von Singer ideal.

Auf den Dekalog von Krzystof Kieslowski (1941-1996) stieß ich wieder einmal. Ich schaute mir wieder mein Polinisch-Lehrbuch an, doch die Filme  beschenkten mich nur mit Zischlauten. Portugiesische Untertitel waren brauchbar, türkische überhaupt nicht, spanische perfekt. So könnte man mittels youtube eine Sprache lernen, wenn man fleißig wäre. Kieslowski ist ein wichtiger Regisseur mit dem richtigen Timing und dem Gespür für die Motive einer Geschichte.

Lisandro empfahl mir den Argentinier Julio Cortázar. Von dem habe ich sogar ein Buch: Rayuela, Himmel und Hölle. Das ist experimentell, denn der Autor, der von 1914 bis 1984 lebte, schlägt vor, das 1963 erschienene Buch in einer anderen Reihenfolge der Kapitel zu lesen. Noch bevor es Internet gab, überlegten Autoren, wie der übliche Fluss einer Erzählung abzuwandeln wäre, wie verschiedene Optionen des Lebens literarisch aufbereitet werden könnten. Erneuerungen in der Literatur oder im Leben gibt es nur durch Experimente, die auch mal schiefgehen können, die aber wichtig sind. Das ist Kreativität, über die viel spekuliert wird, die aber mehr als alles andere Mut ist, die gewohnten Muster beiseite zu lassen.

Mein Versepos Das Jahrhundertrennen ist so ein verrückter Versuch, etwas Anderes zu gestalten. Ich hatte es irgendwie beseite gelegt, und als ich in Lauterburg auf dem Campingplatz war, dachte ich nicht daran. Aber tatsächlich gibt es in meinem Epos einen Campingplatz am See – wie der von Lauterburg -, und als ich zuletzt da war, fand ein Techno-Konzert statt, genau wie ich es beschrieben hatte. Leider fuhr ich früher ab, deprimiert, weil mein Garmin-Navigator heruntergefallen und kaputt war. Doch der Gedanke ist immer da, dass das, was du schreibst, sich irgendwie in der Welt wiederfinden lässt, denn die Kunst ahmt das Leben nach, was ich immer wieder vergesse. Nicht nur das: Man könnte sagen, sie erschafft das, was sie erzählt; was geschrieben wurde, muss unweigerlich Wirklichkeit werden. Wer lang genug einem Gedanken nachhängt, findet ihn im Leben wieder.

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