Verschwiegene Liebe

Wenn ich meiner Mutter Gedichte vorlese, sind sie meist von Eichendorff. Oder von Novalis. Heines Balladen sind zu lang, sein Grundton ist spöttisch. Goethe und Schiller: zu bedeutend sein wollende Lyrik. Lieber Joseph von Eichendorff.

Theodor W. Adorno hat in seinem Aufsatz Zum Gedächtnis Eichendorffs dem Dichter Ehre widerfahren lassen, der von 1788 bis 1857 lebte. Lange galt sein Werk als kitschig; immer die Nacht, der Mondschein, es rauscht, und einsame Gesellen fahren Postkutsche. Adorno meint, auf den europäischen Weltschmerz antworte »Eichendorffs gekaufter Mut, jener Entschluss zur Munterkeit«, in dem der Ausdruck der Vergeblichkeit lauere. »Er war kein Dichter der Heimat, sondern der des Heimwehs, im Sinne des Novalis, dem er nahe sich wusste.«

Elfe

Bleib bei uns! Wir haben den Tanzplan im Tal
Bedeckt mit Mondesglanze,
Johanniswürmchen erleuchten den Saal,
Die Heimchen spielen zum Tanze.

Die Freude, das schöne leichtgläubige Kind,
Es wiegt sich in Abendwinden:
Wo Silber auf Zweigen und Büschen rinnt,
Da wirst du die Schönste finden!

In seiner Lyrik bekennt sich der Dichter »als der, welcher keine Bleibe hat, mit unmissverständlichem Spott gegen das Gebundensein«. Und er bindet sich auch nicht an Konkretes, bei ihm ist »die Kraft des Ungesagten ins Wort gedrungen und hat ihm seine Süße geschenkt«. Adorno schreibt: »Das Schwebende allegorischer Momente ist sein dichterisches Medium«. Sprache ist bei ihm nicht Vehikel, sondern das Darstellungsmittel der Poesie. Dabei pflegt Joseph von Eichendorff eine schlichte, eingängige Sprache, deren Zauber sich nicht enthüllen lässt.

Verschwiegene Liebe

Über Wipfel und Saaten
In den Glanz hinein
Wer mag sie erraten.
Wer holte sie ein?
Gedanken sich wiegen,
Die Nacht ist verschwiegen,
Gedanken sind frei.

Errät es nur eine,
Wer an sie gedacht,
Beim Rauschen der Haine,
Wenn niemand mehr wacht,
Als die Wolken, die fliegen
Mein Lieb ist verschwiegen
Und schön wie die Nacht.

»Das Schweigen«, schreibt Adorno, »mit dem allerorten Eichendorff Begierde zudeckt, schlägt um in jene oberste Idee des Glücks, worin Erfüllung als Sehnsucht selber sich offenbart, die ewige Anschauung der Gottheit.« So wie die Ostjuden, die auf Märkten schöne Frauen betrachteten, um damit Gott nahe zu sein.

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