Noigandres – Ezra Pound in Freiburg

Ezra Pound, der Dichter der »Cantos«, war mal in Freiburg. Das lernte ich, als ich, um zum Kaffee etwas zu lesen, zufällig Canto XX aufschlug. Daraus nun ein paar Passagen. Freiburg kommt nicht oft in der Weltliteratur vor, aber Pound war mal bei manipogo mit einem Zitat aus Canto XXVI.

Zu Pound, der von 1885 bis 1972 lebte, muss man freilich sagen, dass er von 1925 bis 1945, in Rapallo lebend, Mussolini unterstützte und sich fanatisch antisemitisch und faschistisch gebärdete. Nach dem Krieg wurde er angeklagt und entkam der Todesstrafe, weil er als geisteskrank bezeichnet wurde. 12 Jahre verbrachte er in einer Heilanstalt in Washington D.C. Dann zog er nach Meran auf eine Burg und sich völlig zurück.

Aber seine Cantos sind und bleiben grandios, weil er sich bei der Vergangenheit bedient und herausschürft, was bleibt und was vergeht. THE PERSONNEL CHANGES schreibt er. Das ist machmal der einzige Wechsel.

Sound slender, quasi tinnula … Der erste Abschnitt zitiert Propertius und Ovid. Dann aber:

The boughs are not more fresh
where the almond shoots
take their March green.
And that year I went up to Freiburg,
And Remert had said: ›Nobody, no, nobody
Knows anything about Provençal, or if there is anybody,
It’s old Lévy.‹
And so I went up to Freiburg,
And the vacation was just beginning,
The students getting off for the summer,
Freiburg im Breisgau,
And everything clean, seeming clean, after Italy.

Kann man gut verstehen, da muss man nicht viel übersetzen. März, Osterferien, die Studenten reisen ab und Freiburg ist sauber (wie heute), vor allem nach Italien.

And I went to old Lévy, and it was by then 6:30
in the evening, and he tailed half way across Freiburg
before dinner, to see the two strips of copy,
Arnaut’s, settant’uno R, superior [Ambrosiana]
Not that I could sing him the music.
And he said: ›Now is there anything I can tell you?‹
And I said: ›I dunno, sir,‹ or
›Yes, Doctor, what do they mean by noidgandres?‹
And he said: ›Noigandres! NOIgandres!
›You know for seex mon’s of my life
‘Effery night when I go to bett, I say to myself:
›Noigandres, eh, noigandres,
›Now what the DEFFIL can that mean?‹

Das ist lustig, wie Lévy englisch spricht, es ist ein Deutsch-Englisch, effery sagt er für every und DEFFIL für devil, aber auch er weiß nicht, was noigandres bedeutet.  Dann zieht Pound mit seinem Canto los, fünf weitere Seiten lang, betörendes Landschafts- und Stimmungsgeschildere, aber ohne bträchtliche Kenntnisse über spätmittelalterlicher Recken ist man da aufgeschmissen, irgendwie geht es um das Rolandslied und vielleicht Chrétien de Troyes, Versepen aus dem 12. Jahrhundert, auf Provençalish verfasst. Zwischendurch dann die Zeilen

Duccio, Agostino; e l’olors ―
The smell of that place ― d’enoi ganres.

Da ist es. Der Geruch, der Duft jener Stätte, der Wind über Ölbäumen pinien-gewürzt, Nachtigallen und Hauch im unteren Astwerk der Zedern. Auch Lévy konnte es dann wissen, hätte er Canto XX in Freiburg gelesen, und besser einschlafen.

 

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