Symptome

Ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Beim größten Gesundheitsportal der Schweiz ist ein Artikel von mir über den Placebo-Effekt erschienen, nicht zu lang und nicht zu kurz. Man will ja nicht unbedingt ein ganzes Buch lesen müssen, um ein Phänomen zu verstehen; ein Artikel ist dazu gerade richtig. Der genannte »Effekt«, auch kurz als Selbstheilung zu beschreiben, müsste viel bekannter sein. Das Problem ist der Name … Weil Placebo eine Medikament ohne Inhaltsstoff ist und irgendwie als Betrug gilt, obwohl es im Körper dieselben Erwartungen auslöst wie ein »wahres« Medikament. Das heißt auch, dass wir die pharmakologischen Substanzen über- und die Heilmechanismen im Körper unterschätzen. Zwei Dritttel der Krankheiten heilen von selbst, wenn man ihnen Zeit gibt. Ein Wunder ist das schon.

Für schwere Fälle haben wir unsere High-Tech-Medizin, die hoch zu loben ist. Medizin ist zur Wissenschaft geworden, und der Forschungsgegenstand ist der menschliche Körper, bei dem oft genug vergessen wird, dass er zu einem fühlenden und sensiblen Menschen gehört. Man ist stolz auf die evidence based medicine,  also auf eine Medizin, die sich auf Fakten und Beweise stützt. Ich bin stolz, dass mir der Begriff emotionsbasierte Medizin eingefallen ist (das wird sicher auch anderen eingefallen sein), emotion based medicine. Eins ohne das andere funktioniert aber nicht richtig, so wie auch Psyche ohne Körper oder umgekehrt auch nicht geht.

Doch mit der Mischung stimmt es nicht mehr richtig. Wie oft muss man hören oder lesen von Ärztinnen und Ärzten, die Leuten ihre Diagnose hinknallen und dann verschwinden, die unsensibel agieren oder sich hinter ihrem Computermonitor verstecken. Und: zu wenig Zeit. Man muss sich schon wundern: In einem der berwundertsten Länder des Erdballs, in dem angeblich alles funktioniert und die Technik auf dem höchsten Stand ist, hat man nicht allzu viel für den Mitmenschen übrig, scheint es. Man erhöht Schlagzahl und Tempo, will immer mehr Profit, und gerne werden Dinge und Geräte angeschafft, aber mehr Geld und Achtung für die Mitarbeiter, nein.

Immer mehr Geld fließt im Gesundheitswesen (angeblich ist ihr Umsatz höher als der der Autoindustrie), alle Akteure machen mobil und reden nur noch von Gesundheit. Wie können Sie sich schützen oder gesund erhalten? Die Kranken werden durch die Krankenhäuser geschleust (25 Prozent mehr Patienten in den vergangenen 20 Jahren, kaum mehr neue Pfleger*innen, dafür gab’s jede Menge neuer Krankenhausärzte, 70 Prozent mehr!) und allen möglichen Therapien unterzogen. Bis in die letzten Lebenstage hinein wird aufwendig therapiert, und Zuwendung oder ein liebes Wort gibt’s überall nur nebenbei, weil zuwenig Zeit ist. (Der Arzt konnte nichts mehr tun. Er fühlte sich geschlagen und verschwand. Die Patientin warf ihm vor: Gerade da hätte ich Sie so dringend gebraucht!) Ein Artikel ändert daran nichts, gibt nur einen kleinen Anstoß.

Der Gesundheitskult ist eine neue Religion: Mein Körper ist mein Tempel. Für ihn ist mir nichts zu teuer. Es geht aber nicht um Geld. Zuneigung und Freundlichkeit sind Menschenrecht; sie kosten nichts, sind aber unbezahlbar. Dass man das, was selbstverständlich ist, manchmal sagen muss, ist eigentlich traurig. Die Umrechnung von allem in Geld allerorten ist das Problem. Wenn Geld nicht dem Wohl der Menschen zugute kommt, welchen Sinn hat es dann? Klar: Wie in früheren Zeiten tun gewisse Kreise alles, damit Geld ihrem Wohl zugute kommt (und nicht dem der anderen), und das müssen wir unterbinden.

 

Ein Kommentar zu “Symptome”

  1. Regina

    Lieber Mandy! Fakt ist doch „schon, wenn man geboren wird, ist man zum Tode verurteilt“ – jeder! Dann finde ich es in Ordnung, diese Zeit, genannt Leben mit Freude, gerne Gesundheit und Zufriedenheit zu füllen! Lieben Gruß Gina

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