Doktor, Tod und Teufel

Florian Langegger, Psychiater, geboren 1944 in Wien, legte 1983 das Buch Doktor, Tod und Teufel vor. Der Autor klassifiziert chronisch psychisch Kranke als lebende Tote und zeigt mit Verweisen auf Dante, Homer, das Tibetanische und das Ägyptische Totenbuch, dass die Parallele nicht von der Hand zu weisen ist.

Langegger spricht von Übergangsformen seelischer Leblosigkeit, bis dann das seelische Sterben seinen Anfang nimmt. Es gibt psychisch Kranke, die sich bei Zuwendung wieder erholen, aber viele dämmern vor sich hin und driften in eine Art Nirwana ab. Die neueren Medikamente machten Behandlungen menschlicher, können aber oft nicht vermeiden, dass der Irrsinn chronisch und irreparabel wird.

Immer schon hatte der Mensch Angst vor den Toten. Er sorgte mit allen Mitteln dafür, dass sie fernblieben und nicht zurückkehren konnten; denn sie würden den Lebenden schaden. Wichtig ist, die gut ins Jenseits zu geleiten. Friedhöfe wurden daher auch außerhalb der Stadtmauern angesiedelt.

Diese Angst herrscht auch vor den Patienten in der Psychiatrie. Deshalb liegen psychiatrische Krankenhäuser auch oft vor den Toren  der Städte, hinter Mauern. Da vergrub man die Irren. Sie waren wie die Schatten in der Unterwelt, die Odysseus aufsuchte; oder wie die Gequälten in der Hölle, wo die Göttliche Komödie Dantes, um 1300 geschrieben, beginnt. Man folterte sie oder brachte sie in Kellerverliesen unter.

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Die Zustände etwa in der italienischen Psychiatrie waren schlimm. Dazu muss man die Bücher von Mario Tobino lesen. Franco Basaglia (1924-1980) schaffte es, dass die manicomi, die Irrenhäuser, geschlossen wurden, aber die Freigelassenen irrten umher, wurden manchmal von der Familie abgewiesen, und viele starben, entweder durch Vernachlässigung oder durch Selbstmord. Das war keine gute Lösung. (Foto: Patientenzimmer im ehemaligen Irrenhaus Rizzeddu bei Sassari, Sardinien. Von der Seite Sardegna abbandonata, danke.)

Auch die Gefängnisse liegen an der Peripherie, genauso wie die Häuser der Flüchtlinge. Die Gesellschaft will wenig mit diesen Leuten zu tun haben und errichtet auch heute noch kleine Gettos. Integration oder Inklusion: schwierig. Das Buch Langeggers war damals ein Novum und ist es noch heute. Selten liest man eine derart dichte Beschreibung der seelischen Qual, die durch die literarischen Belege überzeugend als Totsein im Leben dargestellt wird. Man könnte hinzufügen: Auch Altenheime liegen meist etwas außerhalb, und die Bewohner, so gut sie auch versorgt werden, bleiben unsichtbar oder werden nicht beachtet. Sie erinnern uns an unsere eigene Vergänglichkeit.

Geisteskrankheit bleibt ein Rätsel. Es gibt Heilungen, aber auch einen gleichbleibenden Bestand an chronisch Kranken, die keiner sieht und denen keiner zu helfen in der Lage ist.

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