Erinnerungsarbeit

Sich erinnern ist eine Arbeit. Erinnert man sich je, wie es wirklich war? Wie war es denn »wirklich«? Im alten ägyptischen Mythos heiratet Isis ihren Bruder Osiris, der König über das fruchtbare Land wird. Bruder Seth bekommt die Wüste zugeteilt und ist wütend. Er tötet Osiris (das Kain/Abel-Motiv, der Viehzüchter gegen den Ackerbauern) und verstreut dessen Glieder. Isis weint und trauert. Doch mit ihrer Schwester Nephthys sammelt sie Osiris Gebeine ein.

Und dann, mit Hilfe mächtiger Zaubersprüche, erweckte sie Osiris wieder zum Leben. Doch er konnte nicht mehr König sein, dies wurde sein Sohn Horus. Osiris wurde der König des Totenreichs. Die Verstorbenen wollen ihm nacheifern und jubilieren im Ägyptischen Totenbuch: »Osiris bin ich fürwahr und mein Wohnsitz: — Amenti.« 

Was hat nun Isis an Osiris getan? Alan Watts (1915−1973), der Religionsphilosoph und Zen-Autor, meinte, »she literally re-membered him«. Member heißt auf englisch Glied (auch Mitglied eines Vereins), und Re-membering hieße, die Glieder wieder zusammenzusetzen. Sich erinnern sei nicht eine mechanische Handlung, schreibt Watts, sondern es sei eine wiederherstellende und kreative Handlung. Wenn man sich an jemanden erinnere, stelle man eine neue Entität her. Wir brächten den Vergessenen in eine neue Ganzheit zurück. (Illustrationen: Rolf Hannes) 

Der französische Philosoph Henri Bergson (1859−1941) beschäftigte sich lange mit Patienten, die seltene Wahrnehmungsstörungen hatten, deren Ursprung im Gehirn lag. Er fand, dass Erinnerung und Wahrnehmung eng miteinander verknüpft seien, was die neuere Gehirnforschung bestätigt hat. Beide konstruieren sie. Da die Erinnerung größtenteils im Unbewussten verankert ist, bedeutet dies, dass das Unbewusste und das Bewusstsein eng miteinander in Verbindung stehen.  Erinnerung und Gedächtnis machen den Menschen aus. Wer dement ist und sich an nichts mehr erinnert, hat seine Persönlichkeit eingebüßt. Für immer? Das kann nur behaupten, wer glaubt, dass der Mensch sein Gehirn ist. Ich jedoch meine, dass alle Eindrücke abgespeichert und nach dem Tod in einem anderen Körper wieder zur Verfügung stehen.    

Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel vertritt in seinem Buch Endloses Bewusstsein (2009) die These, dass das Bewusstsein auch abgetrennt vom physischen Körper funktionieren könne. Der japanische Autor Jasuo Yuasa (oder Yuasa Jasuo) betrachtet das in seinem Buch The Body, Self-Cultivation and Ki-Energy (1992) vom fernöstlichen Standpunkt aus.  

Es gibt vier Kreisläufe im Menschen: die Sinne und das Bewegungssystem; das Gefühl für den eigenen Körper; das autonome Nervensystem, das Emotionen und Instinkte regelt; und das Meridianen-System unterhalb der Haut, die die Grenze zwischen der externen Welt und dem Körper darstellt. (Auf dieses System wirkt die Akupunktur ein.) Dieser vierte Kreislauf ist unsichtbar, Yasuo nennt ihn den »unbewussten Quasi-Körper« (muishikiteki junshintai) oder ein System von Pfaden emotionaler Energie, die im Unbewussten fließe.  

Dieser Körper könnte die Entsprechung zum astralen Körper sein oder zum Auferstehungs-Körper der Orientalen, in dem alles gespeichert ist, was uns ausmacht. Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert, ist ja nur die »Empfangsstation« kaputt. Der Sender ist unsterblich. Das Gehirn sei der Übersetzer des Bewusstseins, hat schon Hippokrates gesagt.             

 

 

 

 

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