2./3.3.1963: Seegfrörne

Vor über einem halben Jahrhundert war der Bodensee zur Gänze zugefroren, was seit dem Jahr 875 erst 33 Mal vorkam. Auf die Seegfrörne von 1963 hatte man 83 Jahre warten müssen; im 19. Jahrhundert geschah es nur 1830 und 1880, dass man übers Eis in die Nachbarländer Österreich und Schweiz wandern konnte.

Ich hatte vergangenen Januar erzählt, wie ich einmal – 1986 – über die zugefrorene Außenalster in Hamburg in meine Wohnung zurückkehren konnte. Viel gefestet wurde damals – wie 1963 auf dem Bodensee. Offiziell wird die damalige Seegfrörne auf den 6. Februar datiert, als erstmals der Obersee zu Fuß überquert werden konnte.

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Den Höhepunkt bildete die historische Eisprozession von 12. Februar 1963, als in den Morgenstunden 2500 Menschen von Münsterlingen nach Hagnau pilgerten, um die Statue des heiligen Johannes zu holen, die 1830 dorthin getragen worden war. Nun kam sie wieder zurück nach Münsterlingen, und da wird sie bleiben, bis dereinst mal wieder der Bodensee zufriert, was nach der Statistik drei Mal in 100 Jahren geschieht. Zum ersten Mal war es 875, als Gallus, von dem St. Gallen den Namen bezog, schon 250 Jahre tot war.

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Greifen wir aus dem Seegfrörne-Tagebuch den 2. und 3. März 1963 heraus. Der Auszug stammt aus meiner Informationsquelle, dem Buch Seegfrören 63, das damals im Verlag der Schwäbischen Zeitung erschien, der mir erlaubte, daraus zu zitieren und Fotos zu verwenden.

Das Eis am Ober- und Überlinger See wird wieder freigegeben. Das Wochenende übertrifft alle bisherigen Rekorde von Eiswanderungen und bringt den Höhepunkt der Seegfrörne 1963. Zehntausende überqueren zu Fuß, auf Fahrrädern, Mopeds und sogar Autos den Obersee zwischen Arbon und Langenargen in beiden Richtungen. In den bis auf den letzten Platz gefüllten Restaurants gehen die Vorräte zur Neige …

Die Schweizer Polizei überwacht mit Funksprechgeräten die Übergänge auf dem Eis des Obersees. An den Ufern stehen kaum übersehbare Autoschlangen aus allen Teilen der Schweiz, Österreichs und der Bundesrpeublik. … Maschinen aus Augsburg, Kempten, Konstanz und Lindau landen vor Nonnenhorn, um Passagiere für Rundflüge an Bord zu nehmen. … In Nonnenhorn wird die 6000. Eiswandererbescheinigung ausgestellt. Über 10.000 Schweizer sind in den letzten Tagen über das Eis in den um diese Jahreszeit sonst so ruhigen Bodenseeort gekommen. …

Die große Eisfläche hat die Grenzen aufgehoben; eine Kontrolle der Eiswanderer, die von Land zu Land gehen, ist kaum mehr möglich. Das Eis bildet eine große Brücke von Ufer zu Ufer; alte Freundschaften werden vertieft, neue geschlossen. …

In Rorschach wird der Musikverein Wasserburg, der mit zündenden Klängen über das Eis marschiert ist, von Hunderten von Menschen empfangen. Die Rorschacher überraschen ihre »Nachbarn« in Wasserburg mit dem Besuch des Alphorntrios von Flawil. Als die Musikkapelle aus Gaissau (Vorarlberg) ebenfalls in Wasserburg eintrifft, ist das Dreiländer-Volksfest auf dem Eis vollkommen.

So ein Naturereignis braucht es manchmal, dass die »Völker« zusammenkommen können. Der See müsste nicht trennen; er verbindet die drei Länder auch. Mehr ist möglich als nur Tourismus.

seegfrörne1Das Prozessions-Foto stammt von Heinz Finke, Konstanz, das Bild mit den Nonnen hat Siegfried Lauterwasser aus Überlingen gemacht, und der Autor des letzten Fotos ist G. Nowottnick (Kreßbronn). Danke sehr!

 

 

 

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