Unser Land. Und: Schuld

Bevor wir zu unserem Land kommen, ein paar Bemerkungen persönlicher Natur und gleichzeitig vom Typ Gott und die Welt. Erstens: Nach vielen Jahren fehle ich erstmals bei der heutigen Jahreshauptversammlung unseres Velo-Klubs in Rehetobel. Ich habe Dienst; kann ja mal sein. Schweizer »chrampfer« (harte Arbeiter) haben dafür Verständnis.

Gerade war ich bei meiner Mutter im Heim, dann kam eine Krise, ich war zu ungeduldig, sie brach in Tränen aus … dann: die Versöhnung. Vielleicht sollte man Krisen manchmal provozieren, dann wird es schöner, als wenn man die übliche Routine abgespult hätte. Und: Demenz hilft. Meine Mutter vergisst die Sachen schnell. Das ist ein Segen. Ich erfahre die Erlösung, die ich immer brauche. Nehme mir trotzdem vor, geduldiger zu sein.

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Eine Erlösungsreligion ist für einen, der beständig von Schuldgefühlen gequält wird, auch ein Segen. Aber dieses Jahr wollte ich nichts vom Leiden Christi hören. Er ist ja für unsere Sünden gestorben, heißt es, aber das will ich nicht richtig begreifen. Vielleicht musste er so grausam sterben, um die Schuldgefühle zu bedienen, die entstanden, weil Gott Mensch wurde (zu ihm gemacht wurde). Ein Gott soll sterben, um seine Kraft nicht zu verlieren, sagt uns zudem die Religionswissenschaft.

DSCN2366Das Heilige wird geopfert. Sacro (das Heilige) wird Sacrificium (Opfer). Der Tod (das Abwerfen des Alten) führt zur Erneuerung, zu neuem Leben. Der Sonnengott geht unter – und geht wieder auf. Früher opferten Menschen andere Lebewesen, damit das immer wieder geschehen konnte. (Sie wussten nicht, dass es auch ohne Opfer geschehen wäre. Hätten sie mal gewartet!) Die scheinbar abgestorbene Natur blüht im April auf. Das Christentum hat sein neues Leben mit Jesus Christus daran gekoppelt und uns Schuldgefühle erzeugt. Wir sind Sünder, für uns ist er gestorben.

Nun zu Kaminski: Schalom allerseits

Die Schuldgefühle verschwinden, wenn jemand vergibt. Oder vergisst. Man möchte ja vergessen, schreibt Andre Kaminski. »Man muss vergesssen, sonst kann man nicht weiterleben.« Ich kenne das. Aber doch nicht alles vergessen, alles opfern! Sonst bleibt nichts übrig, worauf man eine Zukunft bauen kann. Kaminski hat 1986 Deutschland besucht und auf einer gefeierten Lesreise aus seinem Buch Nächstes Jahr in Jerusalem vorgetragen.

In Schalom allerseits erzählt er von seiner Reise und den Eindrücken aus vielen Städten unseres Landes. Gute Lektüre. Da geht es um Schuldgefühle (40 Jahre nach Kriegsende ist der Judenmord nocht aktuell) und um das Vergessen-Wollen. »Seit Jahrtausenden vergißt die Menschheit ihre Erfahrungen. So wird es wohl weitergehen. Und doch hat sich etwas geändert. Ich lese vor gut 100 Personen und deklariere mich als Jude. Vor 50 Jahren hätte man mich verhaftet und eingekerkert …«

Die Synagoge von Lugano. Blieb stehen.

Die Synagoge von Lugano. Blieb stehen.

Vergangenheitsbewältigung hieß früher ein großes Wort. Ist das gelungen? Kaminski liest auf einem Bürgersteig in Baden: »Hier befand sich von 1825 bis 1938 die jüdische Synagoge.« Er fährt sarkastisch fort: »Also muss man annehmen, dass sich die jüdische Synagoge 1938 in Kuft aufeglöst hat; dematerialisiert, wie man das in der Sprache der Parapsychologie nenn. Ich vermisse den Zusatz: ›Sie wurde in der Kristallnacht von einer brandschatzenden Menge zerstört, und es fand sich niemand, der sich dem Verbrechen in den Weg gestellt hätte.‹« Verschleierung, Lüge. Hätte ich damals protestiert? Ich fürchte: nein. Ich hätte mich geschämt und geärgert, aber ich hätte vielleicht nicht mein Leben für meine jüdischen Mitbürger riskiert. Schlimm.

Die Synagoge von Zürich. Es gibt sie noch.

Die Synagoge von Zürich. Es gibt sie noch.

Kaminski ist manchmal so gut wie Isaac Bashevis Singer, klar, beide Juden und geistreich und witzig. Kaminksi, der in Polen aufwuchs und in den 1980-er Jahren in der Schweiz lebte (in Zürich), hat 30 Jahre fürs Fernsehen Filme gemacht und weiß, wie man Pointen setzt und was ankommt. Doch in seinem Erinnerungsbüchlein über die 104 Leseabende zeigt er sich höchst bewusst, scharfsinnig und sensibel – wie halt ein guter Autor sein muss. Ein weiteres großartiges kleines Buch, in dem ein hervorragender Autor seine Erfahrungen mit einem zeitgenössischen Deutschland schildert ist übrigens Ich – ein anderer von Imre Kertész (1929-2016).

DSCN4074Schade, dass Kaminski schon Anfang 1991 gestorben ist, nachdem er kurz zuvor seine Lebenspartnerin geheiratet hatte. (Mit 68 Jahren starb er; ich bin ja schon alt, daher mein Erschrecken. Mir blieben da noch sieben Osterfeste … Und man weiß nicht, vielleicht nur noch zwei …) Er durchreist mit der Bahn Deutschland von Süd nach Nord, von Ost nach West. Schöne kleine Städte, große langweilige Städte, immer viele Zuhörer, gute Worte und dumme Worte, Diskussionen … Im Hintergrund die Apokalypse: Nachrüstung, die Pershings, der Konflikt USA – UdSSR, Tschernobyl.

Und dieses Land, das seine Städte manchmal so vereinheitlichte, dass alles gleich ausschaut. 30 Jahre weiter ist das nicht viel anders. Die großen Konzerne haben immer noch alles im Griff. 1986 hießen sie Krupp, Thyssen und Mannesmann, nun Apple, Google und Amazon. Man hat sich damit abgefunden. Mit allem. Vieles ist los, alles belanglos. Es geht vor allem ums Geld. Man will mit gar keinem mehr sprechen: Die Banalität, die einem entgegenstarrt, kann man nicht aushalten. Eien Stunde später schrieb mir jemand aus Bayern, der ein Wirtshaus suchte und keines fand. Schön beobachtet, noch schöner beschrieben:

Alles ist irgendwie aufgehübscht, zudekoriert, vergemütlicht, dass es einen graust, die Bedienungen sind meist sterilfreundlich, die Gäste entweder zu laut oder zu leise, die Fenster aus Kunststoff, das Bier eine Einheitssoße, das Essen ein aufgewärmtes aus der Fabrik, und vor dem Haus dehnt sich eine glatt gepflasterte Betonwüste für all die viel zu großen Autos. … Heute reden sie nicht mehr von Gott und der Welt und im tiefen Bewusstsein, davon eh nichts zu verstehen, sondern sie bearbeiten Alltagsprobleme, Zins- und Kursentwicklungen, Immobilienpreise, Eingenschaften von Autos, Handlungen des „Tatort“, die sie analysieren, als ob sich ihr eigenes Leben in solchen Kontexten abspielte.

Aber doch: Der Frühling ist da. Der See ladet zum Bade, die Straße zum Rade. Hinaus!

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