Reminiszenzen mit Jazz

Kürzlich eine CD von Ryūichi Sakamoto gehört – und da war eine Stimmung wieder, die von Rom in jenen fünf Jahren. Auch wenn ich Peter Gabriel mit In Your Eyes höre (die Aufnahme von 2003) ist die Stimmung wieder da. Und sie steckt total in meinem Roman Tod am Tiber.

Es ist ein bestimmter Gefühlswert: eine kostbare, verlorene Melancholie. Ein Eingesponnensein in sich, in Träume und Hoffnungen. Auch wenn da keine Partnerin war, kein externes Glück. Da ist eine Kraft in der Welt, der man sich öffnen kann, Gott, wenn man so will; und dann kann es sein, dass man irgendwie verliebt ist und sich geliebt fühlt, dieses unnachahmliche Gefühl eines Aufgehobenseins. Es war spannend damals, diese fremde Stadt, dieses wirbelnde Chaos, diese Trübnis auch und eine Sehnsucht, die Glück sein kann auch im Nichterfülltwerden; gerade dann.

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Musik trägt so ein Gefühl. Du bist ein Romantiker, sagen manche. Das trifft es nicht ganz. Romantik ist zu viel Gefühl, nähert sich dem Kitsch. Meine Melancholie ist eine Vorform der Mystik, ein Sich-Ausliefern der Stimmung, ein Ausblenden der Restwelt, des Alltags, der abertausend Details dieser Materialwelt. Es ist kein passives Aufgesaugt-werden-wollen, sondern ein aktives Sich-Hingeben. Gerade höre ich Pasodoble von Leszek Możdżer, das der polnische Pianist mit Lars Danielsson 2007 eingespielt hat. Auch diese Musik drückt mich aus. Ein Wunder.

Die norwegische Band In the Country, Landsberg, Dezember 2014

Die norwegische Band In the Country, Landsberg, Dezember 2014

Możdżer hat mit Tomasz Stanko und mit Michael Urbaniak gespielt, die ich beide schätze. Und dann noch Michael Bogdanowicz, Bassist aus Polen! Mit seinem Quartett und dem Werk Confiteor Song trat er in Rom auf, und kurz vor Schluss meines Romans wird das Konzert geschildert. Die meisten Leute halten diesen instrumentalen, verhaltenen Jazz für ungenießbar. Doch er drückt etwas aus, was sich anders nicht ausdrücken lässt. Mit ihren Instrumenten und ihrem senbsibel Zusammenspiel schaffen (oder erreichen) sie eine Dimension, die scheinbar nicht von dieser Welt ist.

Das ist die Stimme des Gemüts, die sich über die standardisierte, berechnete Welt erhebt und ihr Paroli bietet. Diese Stimme findet Resonanz in den Zuhörern, die nicht mit Jubel oder Geschrei reagieren. Eine Stille wird strukturiert. Etwas dringt nach außen, befördert durch die Musik, das verborgen war. Stimmung entsteht. Was sonst noch entsteht, kann man weder messen noch erklären. Es ist einfach schön. Kein Wunder, dass der Jazz es heute schwer hat.

Musik ist eine Sprache. Unsere verbale Sprache zerschneidet und fixiert, macht uns abhängig von unseren Konzepten. Unsere Welt richtet sich nach unserer Sprache. Darum sind spontane Eingebungen in der Lyrik, paradoxe Sentenzen und seltsame Einfälle wichtig. Auch die bildende Kunst ist wichtig. Wir müssen uns verwirren (lassen), damit sich neue Wege auftun. Musik bildet etwas ab, und ich spüre: So ist es. Ich brauche es nicht zu erläutern. Ich werde zu diesem Gefühl. Ich fühle mich verstanden.

 

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