Die Klinge aus Licht

Ein Lichtblitz aus heiterem Himmel blendet Commissario Salvo Montalbano — und später wird er wissen, woher diese »Klinge aus Licht« kam und was die Folgen waren. Una lama di luce (die besagte Klinge) heißt der neueste Roman von Andrea Camilleri aus der Montalbano-Reihe, im Mai veröffentlicht. Ich musste mich bremsen und habe mir die Lektüre auf vier Tage aufgeteilt. Wie immer ein wunderbares Buch.

Andrea Camilleri ist ein Phänomen. Er war Regisseur und hat 40 Jahre das Kino unterrichtet, und wäre er jünger —Camilleri ist 87 —, würde er glatt noch in der Magliana als Dozent auftreten. Als er seinen ersten Roman veröffentlichte, war er 53 Jahre alt. Mit der Reihe um den Kommissar Salvo Montalbano, der in einem Ort bei Agrigent tätig ist, fing der in Sizilien gebürtige Autor 1994 an, da war er fast 75. Nun liegen 19 Romane vor, und ich würde sagen, sie liegen alle weit über Donna-Leon-Niveau. 

So ganz nebenbei sei erwähnt, dass Andrea Camilleri, der in Rom lebt, seit dem Jahr 2000 noch über 40 weitere Romane geschrieben hat — ohne Montalbano. Georges Simenon nannte seine vielen »anderen« Romane immer »Non-Maigrets«. Camilleri ist ein Schriftsteller wie Simenon: mit unglaublicher Produktivität. Seit er 75 Jahre alt ist, hat er jedes Jahr mindestens vier Bücher herausgebracht. (Bild: Camilleris Jugendrad, ausgestellt im Bahnhof Termini, Rom)   

Camilleri hat mit dem Namen seines Helden seinem Freund Manuel Vázquez Montalbán eine Reverenz erwiesen, der 13 Jahre jünger war als er und mit 64 Jahren auf dem Flughafen von Bangkok an einem Herzinfarkt starb. Montalbán schrieb in 30 Jahren 23 Romane über den Detektiv Pepe Carvalho aus Barcelona (ich habe einige gelesen), der in diesen 30 Jahren natürlich altert und am Ende keine rechte Lust mehr hat. El hombre de mi vida (2001) war traurig, und der letzte Roman hieß Milenio Carvalho, zur Jahrtausendwende geschrieben, 2004 posthum erschienen.   

Nun hat Camilleri dasselbe Problem. Sein Held war zu Beginn Anfang 40, sollte nun also auf die 60 zugehen. Montalbano (ein geflügeltes Wort ist seine Meldung am Telefon und bei Besuchen geworden: »Montalbano sono.«) darf also gelegentliche kleinere neuronale Ausfälle haben. In Una lama di luce verschränken sich zwei Fälle, die wiederum vom Privatleben des Kommissars nicht zu trennen sind. Er ist ja ein Einzelgänger und schüchtern noch dazu. Immer müssen die Frauen den ersten Schritt tun. 

Die Galeristin Marian überrumpelt ihn, der ja eine langjährige Partnerin hat, Livia, die praktischerweise weit weg lebt, in Ligurien. Nach einer Liebesnacht wird laufend telefoniert, und sie sagt: »Ich begehre dich.« Er sagt, es gehe ihm auch so; aber nun fordert Marian, er solle es sagen. Montalbano versucht es: »Ich … ich be−…« Geht nicht. Er kann es nicht sagen. Ich musste lachen.  

Nun drücke ich mich um die Handlung herum. Aber das Buch ist für eine Leserin dieses Blogs in der Westschweiz gedacht, und ich will ihr nicht die Lektüre verderben. Leider steht es in den Sternen, wann das Buch auf deutsch erscheinen wird. Andrea Camilleri schreibt im sizilianischen Dialekt. Man kann sich da gut einlesen, aber wie will man das übersetzen? Auf Bayerisch etwa?  

Seit Ende der 1990-er Jahre werden die Montalbano-Romane verfilmt. Den Kommissar verkörpert der 1961 geborene Luca Zingaretti. Alberto Sironi hat als Regisseur etwa 20 Filme gedreht, bei denen Camilleri oft am Drehbuch mitwirkte. Wie oft habe ich schon in Rom Montalbano-Filme gesehen! Die Darsteller seiner Mitarbeiter Fazio, Augello und Catarella sind derart überzeugend, dass ich sie beim Lesen immer in deren Gestalten vor mir hatte. Bei der Lektüre von Una lama di luce hatte ich übrigens das Gefühl, die Geschichte schon im Fernsehen gesehen zu haben.        

Leider hat das deutsche Fernsehen sich für die wunderbaren Montalbano-Filme nicht interessiert. Im Ersten will man Deutschland flächendeckend mit »Tatort«-Ermittlerteams beglücken, und im Zweiten regiert der Kitsch, unerbittlich wie die Mafia. 

 

 

 

Ein Kommentar zu “Die Klinge aus Licht”

  1. christine

    Lieber Manfred! Schön, dass du nichts Weiteres vom Inhalt verräts, freue mich nämlich schon sehr auf das Buch! Habe gerade die anderen 3(!!) hinter mir und sie voll genossen.
    Bis bald und liebe Grüsse. Christine

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