Ich Arbeitnehmer, nicht Künstler

Wollte heute meine Einkommensteuererklärung abschicken. Stellte kürzlich fest, dass ich mit selbstständiger Arbeit (mit meinen Büchern) im vergangenen Jahr 600 Euro verdient habe. Hey, so viel? Dem gegenüber standen 4.800 Euro für die Krankenversicherung. Dies ist ein Land der Angestellten und Beamten.

Wer irgendwas Unklares macht mit Kunst oder Bildern, kann sich bei der Künstlersozialkasse versichern. Da zahlt er wenig für die Krankenversicherung (nur 100 Euro), außerdem wird für die Rente eingezahlt. Optimal. Jeder schaut, dass er drin ist und drin bleibt. Man kann angeben, was man so in der Kunst tut. Hundert Möglichkeiten gibt es. Wer Werbetexte für einen Autokonzern schreibt, kann sich auch dort versichern, ist also Künstler. Der Haken (die Bedingung): Man muss mit seiner »Kunst« mindestens 3.900 Euro im Jahr verdienen, darf aber zwei Mal in sechs Jahren drunter bleiben. Kompliziert.

Hat mein Bekannter Angelo aus St. Gallen irgendwo geholt, vielleicht von einer alten Kunsteisbahn.

Hat mein Bekannter Angelo aus St. Gallen irgendwo geholt, vielleicht von einer alten Kunsteisbahn.

Der Gesetzgeber wünschte sich wohl ernsthafte Künstler und kann sich unter Ernsthaftigkeit nichts anderes vorstellen als das Streben nach Gewinn. Man wollte keine Keramikerin, die zufällig Ehefrau eines Chefarzts ist und sich günstig versichert. Ich finde aber, dass ein wohlhabender Staat sich echte Kunst leisten können muss und gewisse Missbräuche eben hinnehmen sollte. Meine Vision war sogar: Ein Komitee von Männern und Frauen, die entscheiden, wer Künstler ist. Schreib eine Seite auf, warum du Künstler bist, und dann wird entschieden. Willkür? Die rechtlichen Bestimmungen sind ebenso willkürlich. Und bürokratisch ohne Ende.

Das mit den 3.900 Euro finde ich blöd. Ich hatte nun mal keine Lust zu arbeiten, hatte erspartes Geld und wollte nur schreiben und forschen. Irgendwann gab es eine Überprüfung, und ich wurde im März 2013 aus der KSK (Künstlersozialkasse) rausgeworfen. (Schon zum dritten Mal: einmal, weil ich eine feste Stelle hatte; ein zweites Mal, weil ich ins Ausland gezogen war.) Es hieß:

Tatsachen, die eine deutliche Steigerung Ihres Einkommens gegenüber den Werten der Vorjahre erwarten lassen könnten, sind nicht ersichtlich.

DSCN0473Ich bin also ein hoffnungsloser Fall. Warum muss mein Einkommen deutlich gesteigert werden? Brotlose Kunst hieß es doch immer. Lasst uns doch friedlich brotlose Kunst betreiben und gewährt uns eine günstige Versicherung, damit wir ruhig schlafen können. Nein. Der Künstler muss Kasse machen, wenn nicht: adios, Sie können sich ja freiwillig versichern. Hab ich gemacht. Kostete zuletzt 400 Euro im Monat. Weil der Gesetzgeber davon ausgeht, dass ein Selbstständiger mindestens 2.200 Euro im Monat verdienen muss, damit es sich lohnt. Wer schafft das schon? Die Krankenkasse wollte dauernd Nachweise sehen, so groß war die Panik, ich könnte vielleicht mehr verdienen und ihr würde Geld entgehen. Diese Leute, die flöten, sie seien immer an unserer Seite, wollen nur Geld. Die Gesundheit ihrer Kasse ist ihnen wichtig. (Illustration: Kunst mit Büchern. St. Gallen, Bibliothek Vadiana, 2010)

Ich denke immer an den armen Bildhauer aus Dessau, den Rockmusiker aus Bautzen … Sag dem mal, er solle sich freiwillig versichern und 400 Euro im Monat abdrücken. Der kann gleich Hartz IV beantragen. So treibt man die Leute in die Armut. Ich bin kein Künstler und will es auch nicht sein, wenn auch der Werbetexter Künstler ist. Die einzige Chance: Lass dich anstellen, mach nebenbei Kunst, anarchisch, als Hobby. Das mache ich jetzt. Und die Krankenkasse, die ich in den vergangenen vier Jahren mit 20.000 Euro finanziert habe, zahlt nun meinen Lohn als Alltagsbegleiter. Das ist gut. Das gefällt mir.

 

2 Kommentare zu “Ich Arbeitnehmer, nicht Künstler”

  1. Victoria

    sehr guter Beitrag!

  2. web108

    Danke, Victoria! Mir ist es immer wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Rechtsstaat nicht das Nonplusultra ist. Wer Rechte beansprucht, muss sie auch nachweisen, und überall schauen Leute, wie sie dir am Zeug flicken können, alle zeigen dir deine Grenzen auf, und so sind wir von einem gedeihlichen, friedlichen Miteinander weit entfernt, weil das Wohlwollen fehlt. Homo homini lupus. Damit alles im Land funktioniert, was in Italien ja so bewundert wird. Es herrscht kein Gemeinschaftsgeist, jeder versucht nur, seine Stellung zu halten und auszubauen. Aber ein paar Jahre schauen wir uns das schon noch an, viele Grüße ciao Manfred.

Einen Kommentar schreiben: