Eine andere Welt …

… ist möglich, proklamierten wir damals, um die Jahrtausendwende radelnd in Schwärmen durch Rom. (Na ja, übertrieben, aber Critical Mass war ein sagenhaftes Erlebnis, da waren wir Hunderte!) Das ist das, was man eine Utopie nennt, und das adelt den Menschen. Wir könnten anders leben, freilich.

Doch den meisten fehlt es an Vorstellungskraft, an Zivilcourage, vielleicht auch an Verzweiflung. Sehen muss man die Möglichkeiten. Eine Bestandsaufnahme ist zunächst nötig. Ich mache seit kurzem Erfahrungen im Arbeitsleben, auch mit Nachbarn habe ich zu tun, die Behörden melden sich und ich überfliege, was die Presse so schreibt. Da kriegt man ein Gesamtbild.

Die große Mehrheit der Menschen sieht immer den Splitter im Auge des Nächsten, aber nicht den Balken im eigenen, wie Jesus Christus bemerkt haben soll. Überall werden Fehler bemerkt und bekrittelt, Leute setzen einem Grenzen, blähen sich auf, sind selbstgerecht und engstirnig. Sie sehen das Gute nicht mehr. Gott kommt ja von gut (god), alles was ist, ist da und ist eigentlich positiv (positivistisch: vorhanden, geschaffen). Wir Menschen bringen das Negative hinein.

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Könnten wir doch sehen, dass unser Mitmensch uns bereichert! Er ist da, und das ist besser, als wenn er nicht da wäre. Er ist ein Glied der Gemeinschaft und nicht zu allererst ein Fehlerwesen. Über Fehler müssten wir auch hinwegsehen können. Letztes Jahr dachte ich, dieses Jahr sollte für mich ein Jahr der Barmherzigkeit sein. Ich wollte mir vergeben (wir sind auch oft grausam uns gegenüber) und anderen, Gnade walten lassen. Doch in diesem Staat geht es um Grenzen, um Regeln, um Strenge und Recht. Es geht meistens starr und unversöhnlich zu.

Und man hält unbeirrbar an den Rahmenbedingungen fest. Niemand hat uns dazu gezwungen, Chefs zu haben, acht Stunden zu arbeiten, weiterzukommen und unseren persönlichen Vorteil zu suchen. Alles ginge besser mit Toleranz, Lässigkeit und Lebensfreude. (Darum liebe ich Italien, wo vieles nicht funktioniert, man sich aber wohl fühlt.) Das alles haben wir irgendwo auf unserem Weg eingebüßt. Ja, wir fühlen uns immer noch als Büßer und Sünder und einsame Streiter für eine reibungslos funktionierende Gesellschaft, die wir mit rein äußeren Mitteln schaffen wollen. Und wo sind die Frauen? 40 Jahre nach ihrem Aufbruch beherrschen sie die Altenpflege und die Kindergärten, und wenn sich Versicherungs- und Immobilienfirmen oder Banken präsentieren, sehen wir acht Männer und eine (Alibi-)Frau. Ohne Angie und Theresa May wäre es völlig hoffnungslos. Frauen würden dieses Leben zu einem anderen machen. Ach, es geht einfach nicht vorwärts. Stagnation.

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Die Kunst hat sich dem Leben unterworfen und dupliziert nur noch das, was ohnehin schon ist. Wir sind immer besser »abgedichtet« gegen das Irreale und Irrationale (und dennoch bricht es über uns herein in Gestalt von Gewalt und Irrsinn). Wir murksen in unserer lächerlichen Diesseitswelt umher und lassen uns banale Ergüsse über Details der »Dingwelt« als Erkenntnisse verkaufen. (Adorno, der schon fast 50 Jahre tot ist, fehlt.)

Das Leben ist mehr. Die Ego-Gesellschaft führt in die Sackgasse. A propos Ego: Beim Abspülen fiel mir plötzlich ein, warum der Fußball alle anderen Sportarten aus dem Feld geschlagen hat. Fußball entspricht genau dieser Gesellschaft, in der alle verkünden, anderen dienen zu wollen und Service zu bieten, aber in Wirklichkeit nur an sich selber denken. Fußball wird als Mannschaftssportart verkauft, aber längst geht es nur noch um das Ego des einzelnen Spielers. Diese Heuchelei durchzieht unsere Welt.

Die meisten wissen nicht mehr, was wichtig ist. Wir sollen unser Bewusstsein erweitern, viel über uns nachdenken und darüber, wie wir unseren Mitmenschen das Leben erleichtern können. Wie diese Welt eine andere werden kann, damit man gern und ohne Angst in ihr lebt. Maja, die Außenwelt, ist eim Schleier, die Zeit rafft alles dahin, wir sind unterwegs nach irgendwohin, in eine noch andere Welt nach unserem Hiersein, und da fängt das Abenteuer erst richtig an.

 

Illustrationen: Am Walensee, G. Braghetti

 

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