Knut Hamsun in der Psychiatrie

Wer in die Psychiatrie soll, dem wird das häufig als Ausflug verkauft. Man lügt den Kranken an, weil man die Wahrheit nicht aussprechen kann. Das »Irrenhaus« ist ein Nicht-Ort am Rande der Zivilisation, und man ahnt, dass man einen, dessen Wahn (oder Wahrheit) man nicht begreift, in eine noch tiefere Finsternis schickt.

hamsun1Clarisse mag es verstanden haben, Gustav Mesmer auch, aber Knut Hamsun nicht. Ihm, dem immer noch berühmten norwegischen Romancier, diesem 86 Jahre alten Mann, gaukelten Angehörige vor, er solle in eine »nette Pension« in Oslo reisen, auf vierzehn Tage (das wusste die Polizei). Er freute sich darauf. Zwölf Stunden saß er aufrecht in einem Zug, und dann, 1m 15. Oktober 1945, trat er, eskortiert durch Polizisten, durch drei Türen, die gleich wieder verschlosen wurden, in eine Psychiatrische Klinik ein.

Knut Hamsun hatte  Deutschland bewundert und sich für den Nationalsozialismus eingesetzt, positive Artikel geschrieben und sogar Goebbels und Hitler getroffen, dem er irgendwie ins Gewissen reden wollte, doch Hamsun war schwerhörig und Hitler gewissermaßen auch: Der Führer schrie nur und ließ nichts an sich rankommen, und man sagt, erst als Hamsun gegangen war, habe er seinen üblichen Wutanfall bekommen. Nach dem Krieg wurde Hamsun, der schon 86 Jahre alt war, als Kollaborateur und Verräter angeklagt. Man verörte ihn, überprüfte sein Vermögen, überstellte ihn an eine Anstalt. (Illustration: In diesem Buch schreibt der alte Hamsun über jene Zeit.)

Unbequeme Leute für verrückt zu erklären und einzusperren, war eine beliebte Praxis in Diktaturen. In Osteuropa und Russland landeten viele Dichter in der Psychiatrie. Der amerikanische Dichter Ezra Pound, dessen Cantos berühmt wurden, kam ebenfalls nach dem Krieg wegen Landesverrats vor Gericht. In Pisa stellte man ihn sogar in einem engen Käfig öffentlich aus, und nur dass er für geisteskrank erklärt wurde, rettete ihn vor der Hinrichtung. Von 1946 bis 1958 war er dann Insasse einer psychiatrischen Anstalt in Washington D.C.  Pound war Antisemit und machte die Juden für den Krieg verantwortlich, und man wollte ein Exempel statuieren.

Da war jemand (Pound/Hamsun), der Unrecht getan hatte, und ihn konnte man stellvertretend bestrafen. Eigentlich hätte man sich selbst für Mitläufertum und Duckmäusertum bestrafen sollen oder wenigstens die echten Schuldigen, aber seltsam, die Strafen für diese fielen in Deutschland mild aus (aus Mitgefühl; weil man sich selbst auch für verführbar hielt). Wenn man bedenkt, dass in Deutschland nach dem Krieg diejenigen, die das Rechte getan und den Staat aus Protest verlassen hatten, die Exilanten, ignorierte und demütigte! Man schämte sich und wollte sich nicht damit konfrontieren: mit sich selbst.

hamsun2Der alte Mann also im Irrenhaus. Er schrieb in dem Erinnerungsbuch Auf überwaschsenen Pfaden: »Überall herrschte Ordnung und Pünktlichkeit, überall herrschte Kälte, Unpersönlichkeit und Regiment, Zucht und Religion.« Harmlos, vergleicht man es mit einem Konzentrationslager, aber das darf man nicht. Der alte Mann in einer Zelle mit Guckloch, mit einem Löffel zum Essen. Professor Langfeldt, Leiter der Anstalt, spricht mit ihm, erkundigt sich über seine beiden Ehen (was das damit zu tun hatte?), gibt sich kühl und vornehm, despotisch und unversöhnlich.

Nach sieben oder acht Monaten kam Knut Hamsun frei, ging in ein Altersheim, der Prozess wurde angekündigt und verschoben, Mitte 1948 kam das Urteil: eine hohe Geldstrafe, die den finanziellen Ruin für seine Familie bedeutete. Hamsun, der einer der grössten Romanciers überhaupt war und 1920 den Nobelpreis für Literatur erhielt, lebte dann noch vier Jahre und starb 92-jährig am 19. Februar 1952 bei Grimstad. (Illustration rechts: der junge Hamsun und sein Buch Victoria, eine der schönsten Liebesgeschichten der Welt)

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