Herr Magnussons Möwe

Sowas zieht immer, wenn es gut verpackt ist: ein Buch übers Entrümpeln. Alle haben ja zuviel, sagen sie, und Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge zu ordnen (S. Fischer) soll dabei helfen. Mich hat es dazu inspiriert, eine Schublade auszuräumen und meiner Mutter einen Stoffhund zu schenken, den ersten, den ich je hatte.

Cockie hieß der. Muss fast 60 Jahre alt sein.  Lag Jahrzehnte unbeachtet in meinen Kellern, schaute an die Wand, und dann habe ich – angeregt durch Margareta Magnusson – ihn meiner Mutter mitgebracht und ein bisschen gejault dazu. Das mochte sie. Hat also das Buch schon mal Lebenshilfe geleistet, und das kann man nur von wenigen Büchern sagen. Auch wenn 18 Euro für 150 Seiten mit viel Banalitäten viel ist. Denn dieses Buch hab ich mal gekauft, ich geh nicht nur an die Regale mit gebrauchten Büchern.

Eine schöne Stelle ist auf Seite 95, und sie hat mich überrascht. Die Autorin ist übrigens nach Angaben in ihrem Buch »zwischen 80 und 100 Jahren alt«, sowas klingt immer mysteriös. Ihr Mann, mit dem sie 40 Jahre verheiratet war, starb an im Frühling und wurde an einem strahlenden Tag beerdigt.

Jemand rezitierte ein Gedicht des schwedischen Romanciers und Lyrikers Franz G. Bengtsson, den mein Mann sehr gemocht hatte. Das Gedicht Eine Gazelle endet mit den Versen:

Die Möwe weiß, wie man Ruhe finden kann.
Das menschliche Herz, auf Erden, weiß es noch nicht.

Genau in diesem Augenblick trippelte auf dem Kiesweg neben dem Grab meines Mannes eine junge Möwe entlang. Ich musste unwillkürlich lächeln.

Möwen über der South Bay in Texas: Foto von Carol M. Highsmith, März 2014 (Dank an Library of Congress, Wash. D.C.)

Möwen über der South Bay in Texas: Foto von Carol M. Highsmith, März 2014 (Dank an Library of Congress, Wash. D.C.)

Das Magnusson-Buch ist auf Schwedisch im Volltext im Netz zu lesen. Ich gab Bengtsson und Gazelle ein und fand so die originalen Zeilen des Gedichts:

Een meeuw weet dat hij rusten moet.
Een mensenhart lukt dat op aard‘ niet goed.

 Lukt heißt Geruch; das Menschenherz riecht das (dass es sterben muss) auf Erden nicht gut. Es ahnt das nicht so richtig. Doch darum geht es nicht: Es geht um die Möwe, hier Sinnbild der Seele, die davongegangen ist. Oft beauftragen die Verstorbenen Tiere, um den Hinterbliebenen zu zeigen, dass sie noch da sind. Mir wurden viele Geschichten erzählt. Oft tritt das Tier beim Begräbnis auf wie bei meinem Freund Michi Kurz (der vierte Fall in diesem Bericht).

Es sind meist Schmetterlinge oder Vögel. Manchmal ist es auch ein Insekt wie nach dem Tod von Harry Heine. Als ich den Beitrag über Whitney Houston nochmal durchlas (es geht um ihre Tochter), merkte ich, wie verrückt das damals war …  Ich bewunderte Whitney und begann manipogo deshalb zu ihrem Geburtstag, aber am Tag vorher, dem 8. 8., weil es ein schönes Datum ist. Sie war an meinem Geburtstag 2012 gestorben, und am Tag ihres Begräbnisses (die Feier dauerte 036Stunden, Bodyguard Kevin Costner hielt eine lange Rede, ich glaube, es kam im Fernsehen) fand ich am Rhein einen toten Schwan.Es hieß ja in der Antike, dass Schwäne vor ihrem Tod noch einmal ein trauriges Lied anstimmen: den Schwanengesang. Ich glaube, nach ihrem Tod stieß ich auch zufällig in einem Buch auf eine Stelle mit tausend Schmetterlingen in einem Ort namens Whitney (oder jedenfalls ziemlich ähnlich).

So oder so: Frau Magnusson musste lächeln. Nicht, dass ich wirklich an ein Leben nach dem Tod glaube … schreibt sie auf Seite 124, aber sie stelle sich manchmal vor, dass die verstorbene Katze bei ihrem Mann sei. Selma Lagerlöf glaubte an das Leben nach dem Tod. Und die Möwe Jonathan fällt mir noch ein, mein Beitrag dazu. Und die Möwe von Tschechow, aber nun reicht’s. Schmetterlinge und Vögel als Sinnbilder der Seele.

 

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